mediamaritim internationalNeues aus der Welt des WassersportsBücherMaritimes Antiquariat
Mediamaritim international
Emo

Mit Faltbooten zum Weltmarktführer

8.05.2017 | Allgemein

Klepper baute über 200.000 Faltboote

Die Geschichte der Klepperboote begann vor über 110 Jahren in Rosenheim, als Alfred Heurich, der Erfinder der modernen Faltboote, die Exklusivlizenz zur Fabrikation an den Schneidermeister Johann Klepper verkaufte.

Mit der Lizenz in der Tasche begann Klepper auf dem Dachboden der elterlichen Schneiderei mit der Serienproduktion und gründete 1919 zusammen mit Karl Stich die Johann Klepper & Co. GmbH. Neben den Faltbooten produzierte Klepper auch andere gummierte Artikel wie Gummischuhe und die berühmten Klepper-Mäntel. Für den Rumpf der Boote wurde mit Naturkautschuk durchvulkanisiertes Gewebe verwandt, anfänglich war es rot, später schwarz und ab 1935 silberfarben. Das „Überwasserschiff“ bestand überwiegend aus imprägniertem, blauem Gewebe.

Das „Boot aus der Tasche“ traf den Nerv der Zeit. Wasserwandern mit Faltbooten wurde zu einem erschwinglichen Massenvergnügen. In Deutschland und auch in den USA wurden Sonderzüge für Faltbootfahrer zu Einlassstellen an Flüssen und Seen eingesetzt.

Von Deutschland aus verbreitete sich die Idee des Faltbootes über Europa und weltweit bis nach Japan. Der Markt indes wurde von Klepper dominiert, täglich verließen bis zu 90 Boote die Fabrik. Allein von 1907 bis 1936 hatte das Unternehmen 90.000 Faltboote verkauft, ganz nach dem Werbespruch „Fahre fröhlich in die Welt, mit Klepper-Mantel, -Boot und -Zelt“.

Der Zweite Weltkrieg brachte für das Rosenheimer Unternehmen eine tiefe Zäsur, Die Faltboot Produktion wurde zugunsten der vom NS-Regime als kriegswichtig eingestuften Kleppermäntel völlig eingestellt. Bei einem Luftangriff kurz vor Kriegsende wurde das Werk schwer beschädigt. Aber schon 1950 überraschte Hans Klepper die Faltboot Fans mit einer Neukonstruktion, dem Aerius mit seitlichen Luftschläuchen und einem cleveren Steck- und Schnappsystem für das aus Gebirgsesche und Birkenholz gefertigte Gerüst. Beides, das Aerius-Prinzip und die Luftschläuche sind bis heute beibehalten worden.

Daneben wurden aber weiter bis 1979 Faltboote ohne Luftschläuche wie der legendäre Einer T9 hergestellt. Das Kanu-Magazin urteilte 2004: „Eines der besten Boote, das je im traditionellen Faltbootriss gebaut wurde.“

Die turbulenten Wirtschaftswunder Jahre und die Entwicklung neuer Kunststoffe wie GFK und PE hinterließen auch bei Klepper wechselvollen Spuren. Neben den Faltbooten wurden Festrumpf Kajaks und Segelboote, von der Partner Jolle bis zum Octon Vierteltonner und sogar Surfbretter ins Programm aufgenommen. Eigentümerwechsel und die Aufspaltung in Klepper Bekleidungsfabrik KG (heute Klepper Sportswear) und Klepper Bootsbau KG folgten. Letztere wurde 1997 endgültig geschlossen.

Dass es heute wieder Klepper Faltboote gibt, ist dem Thyssen-Vorstand Hermann Siegesmund Walther zu verdanken, der 1981 die Klepper Faltbootwerft H.S. Walther GmbH gründete und in den Werkhallen von Klepper den Aerius 450 und 520 sowie den T9 in Lizenz baute. Er steigerte die Produktion von 300 Booten in 1982 auf 1.000 in 1984.

Nach dem Tod von Walther und einem Großbrand 1995, dem die Fertigungsanlagen und das werkseigene Museum zum Opfer fielen, kam es zum bislang letzten Eigentümerwechsel.

Der Unternehmensberater Henning Isbruch, der schon seit 1981 Walther beraten hatte, übernahm 1998 die Firma und wandelte sie in die Klepper Faltbootwerft AG um, die inzwischen Inhaber des Namens und der Markenrecht ist. Auch das Museum wurde wieder aufgebaut und 2001 eröffnet. 2002 machte die Werft einen Umsatz von zwei Millionen Euro und verkaufte zu 80 Prozent Mehrsitzer. Langsam ging es wieder aufwärts. 2013 wurden 219 Faltboote ausgeliefert, allerdings stammten sie schon vom neuen Produktionsstandort in Polen. Jährlich werden seitdem rund 300 Faltboote und Bootshäute produziert, darunter die Sonderausführung „Commando“ für militärische Spezialeinheiten weltweit. In Rosenheim verblieben Verwaltung, Endfertigung, Konfektionierung und Qualitätskontrolle sowie die Produktion des Zubehörs wie Segel und Spritzdecken.

Heute ist ein Klepperboot dreifach tauchlackiert, seewasserbeständige und kann auf einer Tour schnell repariert werden. Die Lebenserwartung liegt bei über 30 Jahren.

Das atmungsaktive Verdeck aus 100 Prozent extrem eng gewebter Baumwolle ist fäulnishemmend und wasserdicht hochdruckimprägniert. Für den Rumpf stehen drei Materialien je nach Einsatzzweck zur Auswahl: Hypalon, ein sehr robuster und widerstandsfähiger Kautschuk, TPU, ein thermoplastischer Kunststoff, mindestens so widerstandsfähig wie Hypalon, jedoch 30 Prozent leichter, oder die günstige Variante mit PVC. Spezielle Fertigungsverfahren garantieren eine hohe Flexibilität, auch bei Temperaturen von 25 Grad minus oder 65 Grad plus.

Die Modellpalette der Faltkajaks ist heute unterteilt in Ein- und Mehrsitzer (Zwei- und Dreisitzer), letztere mit Sonderformen für die Mitnahme von zwei Kindern. Zum Dauerrenner ist dabei die 1950 eingeführte Aerius Reihe (65 Liter Luft) geworden,

Die Erweiterung auf vier Luftschläuche, zwei pro Seite, prädestinieren die Quattros (150 Liter Luft). Die Rumpfform kann durch variables Aufblasen der vier Luftschläuche stufenlos von einer V- bis zu einer U-Form verändert und somit der Tiefgang verringert werden. Als Sonderform wurde 2011 der Backyak aus Carbon eingeführt, der in zwei Rucksäcke passt und sich in einen Katamaran mit und ohne Segel oder einen Schlitten verwandeln lässt.

Für alle Boote steht ein umfang reiches Zubehörangebot zur Verfügung. Das reicht von verschiedenen Paddeln über Bootswagen aus Aluminium sowie Spritzdecken und diverse Fußsteueranlagen bis hin zu Solargeneratoren aus einem oder mehreren Solarmodulen und einem dafür entwickelten 3-HE Bootsmotor mit Hybridruder. Nicht zu vergessen der älteste und umweltfreundlichste Antrieb durch Segel nach dem 50er Jahre Slogan „Segle wenn du kannst, paddle wenn du musst.“

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Kommentar abgeben