Segeln: Der Chartertörn beginnt schon zu Hause
2.11.2011 | Charter/ReiseImmer wieder gibt es Menschen, die blauäugig auf einen Chartertörn gehen.
Von Silke Eggert. Charterskipper, die in der Regel nur ein- oder zweimal im Jahr am Ruder stehen und Verantwortung für Crew und Schiff übernehmen, haben es nicht immer leicht. Die Profiseglerin Silke Eggert gibt dem Charterskipper und seiner Crew wertvolle Tipps, die helfen, dass aus einem Charterurlaub kein Alptraum wird, sondern die schönsten Wochen des Jahres.
Immer wieder gibt es Menschen, die ziemlich blauäugig auf einen Chartertörn gehen. Dadurch kann eine kleine Unaufmerksamkeit große Wirkung zeigen – und zwar schon zu Beginn des Urlaubs: „Name of the Yacht?“, fragte der Zöllner, was der Mann vor mir in der Schlange mit: „I don’t know“ beantwortete. Weitere Fragen nach dem Liegeplatz oder Namen des Skippers ließen ihn nur mit den Achseln zucken. Als er auch kein Rückflugticket vorweisen konnte, wurde er in einen anderen Raum gebeten, um den Abfertigungsverkehr nicht länger aufzuhalten. „Next please“ – damit war ich gemeint.
Am Abend traf ich den Unglücksraben im Hafen wieder. Er war völlig aufgelöst. Das Problem mit dem Zöllner hatte er zwar irgendwie gelöst und er durfte schließlich doch einreisen. Jetzt hatte er aber ein anderes Problem: Er fand sein Schiff nicht. In der Agentur in Deutschland, die ihm eine Atlantiküberquerung als Kojencharter verkauft hatte, konnte er niemanden erreichen. Kein Wunder, denn dort war es mittlerweile 3:00 Uhr nachts. Durch die lange Anreise war der Mann darüber hinaus völlig übermüdet. Er tat mir leid, und ich versuchte, ihn zu beruhigen und hielt ihm seine Situation aus anderer Sicht vor Augen: Es ist 20 Grad wärmer als an seinem Abflugort, die Palmen wiegen sich leicht im Wind und er kann seinen kühlen Rumpunsch zu Reggae-Klängen schlürfen. Weiterhin schlug ich vor, sich anschließend mit dem Taxi zu einem Hotel bringen zu lassen und die Suche nach dem Schiff morgen mit frischer Kraft fortzusetzen. Taxi- und Hotelquittung aufbewahren, gab ich ihn noch mit auf den Weg. Es könnte ja sein, dass die Yacht noch gar nicht da ist. Dann muss der Vercharterer für die daraus entstehenden Zusatzkosten aufkommen.
Der Zettel mit der richtigen Adresse
Dieses Treffen war für mich ein Schlüsselerlebnis, und ich beschloss, von jetzt ab meine Gäste persönlich vom Flughafen abzuholen, denn für mein Boot gab es auch keine feste Adresse. Alternativ hätte ich auch ein allen Taxifahrern bekanntes Yachtszenelokal als Treffpunkt angeben können. Im Notfall könnten beide Seiten dort auch Nachrichten hinterlegen, oder anrufen. Charterbasen sind in der Regel einfacher zu finden. Aber selbst in Palma treffe ich immer wieder Crews, die sich vom Taxifahrer an der falschen Stelle absetzen lassen. Da stehen sie dann erst mal ratlos mit ihrem Gepäck am Hafen.
Mit einem Plan und der genauen Adresse in der Tasche passiert so etwas nicht. Dar-über hinaus sollten Crews erst dann aus dem Taxi steigen, wenn sie die Yacht mit eigenen Augen gesehen haben.Wer abends ankommt, sollte daran denken, sich etwas Verpflegung (eventuell auch Toilettenpapier) für die erste Nacht und den kommenden Morgen mitzubringen. Nur selten ist das Wasser aus den Tanks trinkbar und nicht alle Marinas haben eine Kneipe in der Nähe. So könnte die Crew zum Beispiel schon den ersten Abend an Bord mit einer Flasche Wein und etwas zum Knabbern genießen, anstatt bis zum nächsten Tag zu darben. Vorausschauendes Handeln ist also auch schon bei der Suche nach dem Schiff wichtig. Auch für eine gemeinsame Anreise gilt, jedes Crewmit-glied mit den wichtigsten Informationen zu versorgen, falls die Gruppe getrennt werden sollte. Dazu braucht es nicht mal den verpassten Flug eines Mitreisenden; es reicht schon, dass sich der Taxifahrer mit dem Skipper verfährt und die anderen zuerst am Ziel ankommen.
Wer zu früh kommt, muss warten
Einmal begrüßte ich neue Chartergäste und traute meinen Augen nicht: Vor mir standen die Blues Brothers in sechsfacher Ausführung. Sonnenbrille, schwarzer Anzug und edle Lederschuhe. Und jeder hatte neben sich ein Ding stehen, das nun wirklich nicht an Bord gehört: einen Hartschalenkoffer von respektabler Größe. Darin befände sich auch etwas sportlichere Kleidung, versicherte mir das Sextett.
Was kommt in den Seesack?
Bei unseren südländischen Gästen erlebe ich immer wieder, dass mitunter Stöckelschuhe oder Sandalen das einzige mitgebrachte Schuhwerk sind. Und nicht selten ist auch die übrige Kleidung der Damen mehr nach modischem Aspekt, als nach Bequemlichkeit ausgewählt. Diese Mitsegler-innen gehen davon aus, sich nicht aktiv am Segeln beteiligen zu müssen. Das mag auch manchmal so geplant sein, entspricht aber nicht immer der Praxis. Schließlich kann es nicht sein, dass der Skipper beim Anlegen ein anderes Boot rammt, während seine Gattin zuschaut, weil sie mit ihrem engen Rock nicht so schnell das Cockpit zum Ab-halten verlassen kann. Auch um ins Beiboot zu klettern oder an Land zu springen – ohne im Wasser zu landen – ist Bewegungsfreiheit wichtig.
Bei Gästen aus dem Norden kehrt sich das Problem eher um. Oft merken sie erst bei der Vorbereitung zum Landgang, dass die abgewetzte Segelhose schon im zuletzt besuchten Yachtclub negativ auffiel. Ich habe immer Segelkleidung, die während des Törns mehr und mehr Salzflecken bekommen darf und Kleidung für den Landgang dabei. Auch bei Ultrakurztrips sollte Segelbekleidung in mindestens zweifacher Ausführung mitgenommen werden. Es könnte ja einmal richtig nass werden, dazu muss man nicht einmal ins Wasser fallen.
Sonnenbrille und Schirmmütze (in warmen Segelrevieren ein absolutes Muss), werden häufig schlichtweg vergessen. Zumindest von denjenigen, die an ihrem Heimatort schon seit Wochen vor lauter Wolken keinen Himmel, geschweige denn Sonne gesehen haben. Sonnencreme vergisst heutzutage kaum noch jemand. Jedoch ist die Stärke oft nicht ausreichend. Alles unter
Faktor fünfzehn ist auf dem Wasser zu wenig. Wer den ganzen Tag sein Gesicht der Sonne aussetzt, wird auch bei Faktor 20 den erwünschten Bräunungseffekt haben. Und für den Fall, dass es doch mal zu einem Sonnenbrand gekommen ist, gehört unbedingt ein Sunblocker (auch für die Lippen) ins Gepäck.
Von zu Hause aus organisieren, beziehungsweise prüfen:
- Bordpass oder Chartervertrag (bei Fernreisen für jedes Crewmitglied).
- Schiffstyp und Name (für jedes Crewmitglied).
- Anschrift oder Plan der Basis (für jedes Crewmitglied).
- Information über Transfer vor Ort (Entfernung, Kosten).
- Information über Umfang der Leistung (Bettzeug, Handtücher, Geschirrtücher, Schnorchelausrüstung, Grill, Beiboot, Außenborder, Seekarten und Handbücher in einer verständlichen Sprache).
- Information über Tempe-raturen am Ziel.
- Information über zugelassenes Fluggepäck (Vorsicht beim Umsteigen zu einer anderen Fluggesellschaft).
- Mit Agentur oder Verchar-terer Plan B durchsprechen, falls sich die Ankunft unvorhergesehen verspätet.
- Telefonnummern von Agentur und Basis, Mobilnummern eines Verantwortlichen vor Ort. Achtung Vorwahl: Was muss vor Ort gewählt werden?
- Eventuelle Impfungen oder Visa bedenken (zum Beispiel USA bei Einreise per Schiff).
- Crewliste (Name, Geburtstag, Anschrift, Nationalität, Ausweisnummer) in mehr-facher Ausführung muss an Bord sein und der Basis vorliegen (beschleunigt das Einklarieren).
- Personalausweis oder Reisepass (auch der Mit-segler) noch lange genug gültig? Bei Visapflicht – auch wenn es vor Ort in den Pass gestempelt wird – muss die Gültigkeit mindestens 6 Monate betragen. Zwei Kopien anfer-tigen, eine für zu Hause.
- Kreditkarten während des Törns noch gültig? Kreditkartennummer separat mitführen und Notrufnummer für Kartendiebstahl notieren.
- Führerscheine (Sportboot und Auto).
- Eventuell Reiserücktritt-, Kaution- oder Skipperhaftpflichtversicherung.
Einpacken:
- Sportliche Segelkleidung den Temperaturen entsprechend. Mindestens in doppelter Ausführung. 1 T-Shirt pro Tag und überlegen ob und wie häufig unterwegs gewaschen werden soll.
- Handtücher für See- und für Süßwasser.
- Landbekleidung, nach Temperaturen und eigenen Ansprüchen.
- Persönliche Toilettenartikel.
- Windjacke und Pullover, auch in warmen Regionen.
- Bootsschuhe (ohne Profil), zumindest geschlossene Schuhe mit weicher, weißer Sohle.
- Je nach Revier leichtes oder schweres Ölzeug, mindestens Regenjacke, auch in den Tropen.
- Badesachen, Taucherbrille und Schnorchel, falls das Schiff einmal von unten inspiziert werden muss.
- Sonnencreme, Schirmmütze (auch in kalten Regionen) und Sonnenbrille.
- Takelmesser (beim Fliegen nicht ins Handgepäck).
- Eigene Automatikrettungswesten (bei der Fluggesellschaft nachfragen).
- Lektüre, Spiele, CDs oder Kassetten.
- Ersatzbrille für Brillen- und Kontaktlinsenträger.
- Bordapotheke nach persönlichem Bedarf selbst zusammenstellen. Eventuell Insektenschutzmittel, auch vor Ort prüfen, was üblich ist.
- Mobiltelefon mit passenden Ladekabeln.
- Wenn vorhanden: eigener Handkompass, GPS, Fernglas, Taschenlampe.
Bedenken:
- Die Reisetasche muss an Bord gut zu verstauen sein.
- Die wichtigsten Dinge beim Flug ins Handgepäck, falls das Gepäck verloren geht.
Ein Kapitel aus dem Buch „Wasser im Schiff und andere Segelgeschichten.“ Ein Lese(lehr)buch einer erfahrenen Charterskipperin, die zehntausende Meilen abgesegelt und dabei auch bisher viermal den Atlantik überquert hat. Eine gleichermaßen unterhaltsame wie auch lehrreiche Lektüre. Es bringt Spaß, die „Segelabenteuer“ von Silke Eggert zu lesen. Durch kurzgefasste Resümees am Ende jedes Kapitels kann der Leser schnell feststellen, was die Autorin in ihren authentischen Geschichten falsch oder richtig gemacht hat. 120 Seiten, ISBN 3-934919-04-9, EUR 13,20. In jeder Buchhandlung oder direkt bei www.mediamaritim.de/shop




Dienstag, 8. November 2011 21:00
Guter Blogpost! Ich werde da noch mal nachhaken!
Dienstag, 24. April 2012 8:19
[...] Dennoch bleibe ich dabei: Chartern lohnt sich. Was sich allerdings nicht lohnt, ist Sparen am falschen Ende. Die so genannten schönsten Wochen im Jahr sollen doch zu einem ungetrübten Erlebnis werden… Wie ist es dann zu verstehen, dass Charteryachten nur zu oft bis zu letzten Koje mit Mann und Maus voll gestopft werden? Unter dem Gesichtspunkt von Kostenminimierung für den Einzelnen, vor allem in Zeiten der Krise, ist das zwar verständlich, aber richtig ist es nicht. Mit der Harmonie und einem friedvollen Miteinander kann es schnell mal vorbei sein, wenn es an Bord zu eng ist. Daher merke: Mindestens zwei Kojen frei lassen, das tut der Stimmung gut auch über einen längeren Zeitraum (www.mediamaritim.de/blog/2011/11/02/segeln-der-chartertorn-beginnt-schon-zu-hause/#more-3261). [...]