Segeln: Könner reffen früher
10.10.2011 | Sicherheit, Wetter/KlimaDie Großwetterlage sollte immer beachtet werden.
Von Silke Eggert. Charterskipper, die in der Regel nur ein- oder zweimal im Jahr am Ruder stehen und Verantwortung für Crew und Schiff übernehmen, haben es nicht immer leicht. Die Profiseglerin Silke Eggert gibt dem Charterskipper und seiner Crew wertvolle Tipps, die helfen, dass aus einem Charterurlaub kein Alptraum wird, sondern die schönsten Wochen des Jahres.
Spannend ist es, die Wetterkarte und die Vorhersagen des Meteorologen mit den tatsächlichen Gegebenheiten zu vergleichen.
Örtliche Windverhältnisse entwickeln sich oft anders, als der Wetterbericht sie vorausgesagt hat. Grundsätzlich ist es hilfreich, die Großwetterlage zu betrachten. Daraus lässt sich einiges schließen. Wenn die Druckunterschiede gering sind, das Land mit keinen hohen Bergen aufwartet und auch keine Meerenge den Luftstrom beschleunigen kann, wird es wahrscheinlich nicht viel Wind geben. Höchstens den Land-See-Wind-Effekt, über den wir schon in der Schule etwas erfahren haben. Wenn hingegen über dem Meer, auf dem wir uns bewegen, in weiter Ferne ein ausgeprägtes Tief liegt, kann es auch bei uns am Ankerplatz beträchtlichen Schwell geben.
Meteorologie ist ein umfangreiches Thema, das auch den Meteorologen selbst oft überfordert. Um so spannender finde ich es, die Wetterkarte und Vorhersagen mit den tatsächlichen Gegebenheiten zu vergleichen. Häufig ist es nachvollziehbar, manchmal aber auch nicht. Wichtig für mich ist nur, zu versuchen, die örtlichen Ge-gebenheiten einzuschätzen und meine Segelmanöver darauf einzustellen. Dafür ist die Beobachtung des Himmels sehr hilfreich.
Im Zweifel reffe ich lieber einmal zu früh, als zu spät. Besonders, seitdem es Rollreffanlagen im Großsegel gibt. Ein herkömmliches Groß mit Latten ist zwar im Notfall schneller geborgen. Dafür dauert das Einreffen länger als beim Rollgroß. Aber nur, wenn sich das Rollgroß auf Anhieb einrollen lässt. Die Kunst in der Bedienung einer Rollreffanlage besteht darin, das Segel ohne Winddruck, aber mit genug Zug auf der Hole-Leine einzurollen. Wenn das nicht der Fall ist, rollt es entweder durch den Winddruck nicht weiter ein, oder es rollt sich durch zuwenig Zug so lose auf, dass nur das halbe Segel in den Mast passt. Wer dann mit der Winsch weiterkurbelt, bis das Segel sich wirklich nicht mehr rührt, wird später erleben, dass es auch nicht wieder heraus will, weil es festgeklemmt ist.
Für die Wahl der entsprechenden Segelfläche ist es wichtig zu bedenken, dass auch auf Raumschotkurs nur so viel Segel gefahren werden sollte, wie das Schiff auf einem Am-Wind-Kurs vertragen kann. Ich weiß, es ist verführerisch, wenn es mit großer Segefläche gut läuft, und eine Rauschefahrt über die Wellen macht richtig Spaß. Aber spätestens, wenn eine plötzliche Kursänderung aus irgendwelchen Gründen erforderlich ist, hört der Spaß ganz schnell auf.
Fliegendes Wasser auf dem Atlantik
Auf meiner letzten Atlantiküberquerung hätte ich fast das Rigg verloren, weil ich etwa zehn Sekunden gezögert hatte: Wir waren mit der ARC (Atlantic Rally for Cruisers) von Las Palmas aus mit einer Gib Sea 48 Master gestartet. Meist fuhren wir mit ausgebaumter Genua und aufgefiertem Groß, also mit Schmetterlingssegeln, vor dem Wind. Beide Bäume waren gut mit Bullentaljen gesichert, damit sie nicht plötzlich durch Seegang oder eine leichte Windänderung umschlagen konnten.
Eines Nachts bemerkte ich ein Wolkenband hinter uns, dass sich über den gesamten Horizont zog. Ich konnte deutlich ausmachen, dass aus der Wolke noch kein Regen fiel. Die Unterkante war gut zu sehen und zeigte keine Anzeichen von stärkeren Winden. Sie war klar abgegrenzt und nicht ausgefranst. So fühlte ich mich sicher und wollte abwarten, ob sich die Anzeichen änderten. Sie änderten sich, aber anders als erwartet. Es waren nicht einmal fünf Minuten vergangen, da kam von Backbord querab ein gewaltiges Rauschen. Es wurde sehr dunkel und wir konnten überhaupt nichts erkennen. Ich war so verdutzt, denn das Phänomen war eigenartig, so dass ich einige Sekunden gezögert hatte bevor ich beginnen wollte, die Genua einzurollen.
In dem Moment, als wir an der Reffleine zogen, fiel die Bö ein. Dadurch wurde der Druck so groß, dass sich das Segel nicht von Hand aufrollen ließ. Im gleichen Moment hatte ein Crewmitglied die Decksbeleuchtung eingeschaltet: Es sah aus wie eine Sturmszene in einem Hollywood Film: weißes, fliegendes Wasser und mittendrin unser Schiff, das mit den Naturgewalten zu kämpfen hatte. Ich wusste nur eins: Die Segel müssen weg, und zwar so schnell wie möglich. „Genua reinkurbeln“, schrie ich, bevor ich das Cockpit verließ, um das Groß zu bergen. Zum Glück hatte ich ein herkömmliches Großsegel und kein Rollgroß. So löste ich erst das Fall, dann den Bullenstander und begab mich zum Mast.
Am Ruder stand Günther, ein erfahrener Segler, der das Schiff konzentriert vorm Wind hielt. Ich zog mit allen Kräften an dem Segel, doch es bewegte sich nur sehr langsam nach unten. Der Druck vor dem Wind war gewaltig. Dann kam mir Mitsegler Peter zur Hilfe, der sich erstmal Rettungsweste und Lifebelt angezogen hatte. Zu zweit ging es wesentlich besser und als das Segel geborgen war, sah ich, dass auch die Genua inzwischen vollständig eingerollt war. Erleichtert ließen wir uns im Cockpit fallen. Das Schiff machte auch ohne Segel immer noch ziemlich viel Fahrt – einfach so vorm Wind.
Der Wind hatte sich innerhalb von wenigen Minuten einmal um 360 Grad gedreht und Steuermann Günther war ganz brav hinterher gefahren. Ich war so froh, dass wir die Segel vorm Wind bergen konnten, denn alles andere wäre zu gefährlich gewesen.
Das ist der Nachteil an der Passat-Segelei, bei der die Tücher meistens ausgebaumt und alle Bäume gut gesichert sind. Man ist gehandicapt, und kann keine schnellen Manöver fahren. Um die Genua zu bergen, blieb uns nichts anderes übrig, als sie mit Gewalt über die Winsch zu kurbeln. Das war unsere einzige Chance, das Segel zu retten. Ehrlich gesagt, sah ich schon den Mast vor meinem geistigen Auge runterkommen. Aber was nützt mir eine intakte Rollreffanlage, wenn das Rigg nicht mehr steht? Zum Glück hatte die Anlage jedoch den Kraftakt unbeschadet überstanden.
Ein Kapitel aus dem Buch „Wasser im Schiff und andere Segelgeschichten.“ Ein Lese(lehr)buch einer erfahrenen Charterskipperin, die zehntausende Meilen abgesegelt und dabei auch bisher viermal den Atlantik überquert hat. Eine gleichermaßen unterhaltsame wie auch lehrreiche Lektüre. Es bringt Spaß, die „Segelabenteuer“ von Silke Eggert zu lesen. Durch kurzgefasste Resümees am Ende jedes Kapitels kann der Leser schnell feststellen, was die Autorin in ihren authentischen Geschichten falsch oder richtig gemacht hat. 120 Seiten, ISBN 3-934919-04-9, EUR 13,20. In jeder Buchhandlung oder direkt bei www.mediamaritim.de/shop



