Wassersport: Ein Mistral kann zum Albtraum werden
6.10.2011 | Wetter/Klima
Besonders revierunerfahrene Charterskipper sollten auf alle Warnzeichen eines aufkommenden Mistrals achten.
Ein Seemannstraum ist: “Kap Hoorn umrunden und dann sterben…”. Für einen Franzosen sieht dieser Traum so aus: “Erst einmal den Mistral erleben, dann Kap Hoorn umrunden, erst dann kannst Du als stolzer Seemann weiterleben”.
Der Mistral kann zuerst recht sanft und durch die Landmasse noch aufgewärmt und deshalb warm wehen. Nach einigen Stunden oder gar Tagen kann er ein starker bis sehr starker Wind werden, der aus nordwestlicher Richtung über Frankreich in den Mittelmeerraum weht. Typisch ist dann ein wolkenloser, dunkelblauer Himmel, gute Fernsicht, nachts ein beeindruckender Sternenhimmel und ein erheblicher Abfall der Temperatur. Er kann tagelang wehen und tritt so häufig auf, dass die Bäume im Rhonetal oft in Windrichtung nach Süden hin gebogen sind.
Er entsteht durch in den Mittelmeerraum einströmende Polarluft. Die Alpen und Pyrenäen bilden eine Blockade, so dass zwischen diesen Gebirgen die kalte Polarluft ins Rhônetal gelangt. Durch diese Kanalisierung (Düseneffekt) entstehen dort hohe Windgeschwindigkeiten von 50-75 km/h, in Spitzen über 135 km/h. Außerdem ist der Mistral sehr trocken und entzieht dem Boden Feuchtigkeit, was die Waldbrandgefahr in der Provence erheblich erhöht.
Die typische Mistralwetterlage wird geprägt von hohem Luftdruck über der Biscaya und einem Tiefdruckgebiet über Italien. Diese Lage stellt sich häufig in Verbindung mit Kaltlufteinbrüchen aus Norden ein, deren Hauptstoßrichtung über Großbritannien bis in den nordwestlichen Mittelmeerraum verläuft. Dort trifft die Kaltluft auf wärmere Mittelmeerluft. Dies bietet günstige Voraussetzungen für die Entstehung eines Genuatiefs.
Strahlend weiße, linsenförmige Wolken (Lenticulariswolken) auf azurblauem Himmel sind meist Vorboten eines plötzlich einsetzenden Mistral!
Die Provenzalen kennen 32 Winde aus allen Himmelsrichtungen und der Mistral ist der direkt aus NW wehende Wind. Den sehr starken Mistral nennt man auch Aurassos und einen sehr kalten Mistral Cisampo. Am Unterlauf des Ebro wird der Mistral Cierzo genannt. In Sardinien und Sizilien heißt er Maestrale. In Kroatien nennt man diesen Wind Maestral. Das Synonym Cers wird für den Mistral in Katalonien, Narbonne und in Teilen der Provence verwendet.
Die Definition von Mistral bei den Provenzalen ist uneinheitlich. Für die einen ist Mistral ein nur im Rhônetal wehender NW-Wind. Demnach kann es weiter östlich, zum Beispiel an der Côte d’Azur, eigentlich keinen Mistral geben. Die anderen reden aber bei (kalten) N-Winden an der Côte d’Azur auch von Mistral.
Optische Vorzeichen des Mistral
Zwar gibt es bestimmte optische Vorzeichen wie etwa Wolkenformen, Zustand der Atmosphäre etc., die einen Mistral ankündigen und begleiten können, aber es gibt kein wirklich verlässliches Vorzeichen des Mistral außer dem (französischen) Wetterbericht. Vor allem bedeutet das Fehlen bestimmter Anzeichen keinerlei Garantie, dass kein Mistral bevorsteht.
Mistral und Barometer/ Barograph
Barometer/Barograph haben – vor allem im Sommer – im Mittelmeer nur einen begrenzten Prognosewert. Zwar ist auch hier mit Starkwind zu rechnen, wenn der Luftdruck schnell abfällt oder ansteigt, aber der Umkehrschluss gilt hier nicht. Ein stabiler Luftdruck bietet – anders als etwa am Atlantik und seinen Nebenmeeren – keinerlei Gewähr für gemäßigte Windverhältnisse. Der Mistral kündigt sich NICHT durch fallenden Luftdruck an. Oft steigt – zumindest westlich von Toulon – der Luftdruck mit dem sich nähernden Mistral sogar noch leicht an.
Beginnt der Mistral dann zu wehen, kann der Wind – bei weiterhin strahlendem Sonnenschein und kristallklarer Atmosphäre – innerhalb von Minuten brutal auf 7-8 Beaufort, in Böen 9-10, ansteigen. Entsprechend entfesselt ist schon nach kurzer Zeit die See aus kurzen steilen Wellen, die das Vorankommen gegenan praktisch auf Null reduzieren.
Der Mistral in den Wetterberichten
Für eine sicherheitsbewusste Routenplanung in diesem Revier ist kontinuierliches und aufmerksames Verfolgen der Wetterberichte ausschlaggebend. Die Ausbildung des Genuatiefs und das damit verbundene Auftreten des ´Mistral´ werden in aller Regel zuverlässig schon Tage im voraus angekündigt, jedenfalls im französischen Wetterbericht. Der Begriff ´Mistral´ wird dabei allerdings NICHT benutzt – ebenso wenig wie auch all die anderen eher volkstümlichen Benennungen von regionalen Winden (zum Beispiel Libeccio).
Leider ist nur der französische Wetterbericht in der Lage, Beginn und Ende einer Mistral-Periode einigermaßen zuverlässig zu prognostizieren, nicht selten auf ein paar Stunden genau. Es muss nachdrücklich davon abgeraten werden, sich in dieser Frage aller Fragen des Reviers auf andere als den französischen Wetterbericht zu verlassen. Mit einer Ausnahme: die 5-Tage-Prognose des Deutschen Wetterdienstes (über RTTY) bietet für die langfristige Routenplanung ebenfalls eine erfreulich zuverlässige Grundlage – auch hinsichtlich des Mistral.
Vorsicht bei Mistral
Mistral-Zeit aber ist für uns Freizeitsegler rund Korsika gleichzusetzen mit Hafenliegen oder Ankerliegen, außer – wie oben dargestellt – an ganz bestimmten Küstenabschnitten. Sind erst einmal 8 Beaufort offiziell angekündigt, sollte auch der erfahrene Skipper mit einem guten Schiff nicht mehr ausfahren. Zwar kann es durchaus sportlich sein, Böen und auch längere Phasen von 8 Beaufort abzureiten. Sind aber bereits 8 Beaufort im Wetterbericht angesagt, dann können es am Spätnachmittag lokal leicht 9 Beaufort oder mehr werden. Und daran ist dann nichts mehr sportlich. Schließlich entspricht eine Stufe mehr auf der Beaufort-Skala in etwa einer Verdoppelung des Winddrucks auf der Segelfläche. Zwischen 8 und ausgewachsenen 9 Beaufort liegen Welten. Da hat längst der Kampf ums Überleben begonnen.
Von einem Mistral im Golfe de Lion erwischt – was tun ?
Soll man, wenn einen der Mistral erwischt hat, versuchen, trotz allem den beabsichtigten Kurs zu fahren? Oder schnellstens kehrt machen und gegenan zurück an die Côte d´Azur segeln? Oder vor dem Wind ablaufen oder lieber beidrehen?
Der Mistral entwickelt eine solche Gewalt und vor allem eine solch steile und ständig brechende Welle, dass die französischen Segler auch größeren Schiffen von all diesen Strategien abraten. Ihre Empfehlung: am besten noch bevor es richtig losgegangen ist versuchen, seitlich auszubrechen. Also zum Beispiel auf Steuerbordbug abrauschen nach Nord Ost in Richtung Riviera, wenn man sich gerade auf einer Überfahrt von der Côte d´Azur nach Korsika befand. Keinesfalls versuchen, vor dem Sturm in Richtung Korsika abzulaufen und Calvi oder Ajaccio anzusteuern. Oder auf Backbordbug ab nach Südwest in Richtung spanische Küste, wenn man auf dem Weg zu den Balearen war.
Die Zone der extremen Windstärken ist bei Mistral recht eng begrenzt. Sie greift in lang gestreckter Zungenform etwa von Nordwest nach Südost (ganz grob die Linie Marseille – Nordsardinien oder auch Balearen) in den Golf de Lion hinaus und ist oft nur wenige -zig Meilen breit aber mehrere hundert Meilen lang. Wer also mit und vor dem Mistral nach Süden / Südosten abzulaufen versucht, läuft Gefahr, in dieser Extremzone zu verbleiben oder in sie hinein zu geraten und in eine sehr problematische Lage zu kommen. Denn je länger der Mistral weht und je weiter der Fetch (also die Entfernung von der französischen Küste) ist, umso unangenehmer und aggressiver wird die Welle und ist schon oft genug auch großen Schiffen mit erfahrener Crews zum Verhängnis geworden – vor allem außerhalb der Sommersaison. Einige Meilen links oder rechts von dieser Sturmzunge hingegen sind die Verhältnisse zwar noch schwierig genug, aber immerhin handhabbar.
Nach allem was man hört, erübrigen sich Diskussionen über beidrehen oder gar gegenan (Moitessier-Kurs) bei Mistral. Diese Sturmstrategien werden durch die spezifische Form der Welle bei Mistral ganz einfach unmöglich gemacht.
Nächtliche Beruhigung des Mistral – ein weit verbreiteter und manchmal folgenschwerer Irrtum.
Nachts beruhigen sich in aller Regel Wind und Welle erheblich. Das ist eine Grunderfahrung des Küsten-Skippers im westlichen Mittelmeer, die zu allen Jahreszeiten und bei nahezu allen Wetterlagen gilt. Und wenn schon das Fahrtziel in der falschen Richtung liegt und wir womöglich motoren müssen, dann lieber nachts. Das hat eine ganze Reihe von Vorteilen – so die durchaus korrekte Schlussfolgerung.
Diese in Küstennähe gewonnene Erfahrung und die darauf beruhende Entscheidung zugunsten von Nachtfahrten kann bei Mistral üble Folgen haben. Die scheinbare nächtliche Beruhigung des Mistral betrifft nämlich nur das Land sowie einen mehr oder weniger schmalen Streifen an der Küste. Draußen – das heißt nur wenige Meilen vom abends angenehm ruhig gewordenen Liegeplatz im Hafen oder in der Bucht entfernt – bläst der Mistral mit uneingeschränkter Kraft weiter, auch bei Nacht.
Wenn man zum Beispiel bei dieser Wetterlage abends irgendwo von der südfranzösischen Küste aus aufbricht, ein Stückchen zu weit hinaus gerät und der Starkwind einen erst einmal erfasst hat, ist schnell ein „point of no return“ passiert und ein Rückzug nur noch unter großen Schwierigkeiten möglich.
Den revierfremden Gästen an Bord ist das alles nicht bekannt und es gehört zu den unangenehmen Aufgaben eines verantwortungsvollen Skippers, in einer solchen Situation allen, die drängeln und mehr oder weniger offen an seiner Kompetenz und seinem Mut zu zweifeln beginnen, entschlossen zu widerstehen und den scheinbar ruhigen Liegeplatz nicht zu verlassen, bis die Sturmwarnung aufgehoben ist.
Und den in der einschlägigen Literatur verbreiteten besonderen seglerischen Leckerbissen einer schnellen Rauschefahrt ´auf dem Schwanz´ des ausklingenden Mistral hinüber nach Korsika sollte man lieber den gewieften einheimischen Seglern mit ihrem in Jahrzehnten erworbenen 6. Sinn für diese Wetterlage überlassen.
Schönheit des Mistral
Geht der Mistral zu Ende, trifft man draußen vor der Westküste noch lange auf die auslaufende hohe Dünung. Sie wird länger, rhythmischer, ausgeglichener und sanfter mit wachsender Entfernung von der Küste und zunehmender Wassertiefe – und bietet einen prächtigen, majestätischen Anblick und ein unvergessliches Segelerlebnis.
Der Kommentar einer erfahrenen Profi-Charterskipperin, die schon seit vielen Jahren dieses Revier kennt: „Während der Mistral tobt, darfst du niemals im Golf de Lion, der Westküste von Korsika oder Sardinien aufkreuzen. Wenn Du irgendwann in diesem Seegebiet von Mistral erwischt wirst, kann ich nur sagen: “Gott helfe Dir”.
Als Einstimmung auf einen Charterurlaub empfiehlt sich die Lektüre des Erfahrungsschatzes einer Charter-Profiseglerin: „Wasser im Schiff“ und andere Segelgeschichten. Die Autorin Silke Eggers, eine erfahrene Charterskipperin, die zehntausende Meilen abgesegelt und dabei auch bisher viermal den Atlantik überquert hat, hat ihr Wissen zusammengetragen und ein Lese(lehr)buch geschrieben. Hier können nicht nur angehende Charterskipper erfahren, wie man richtig mit einer Yacht umgeht, auch Yachteigner finden eine gleichermaßen unterhaltsame wie auch lehrreiche Lektüre. Es bringt Spaß, die „Segelabenteuer“ von Silke Eggert zu lesen. Durch kurz gefasste Resümees am Ende jedes Kapitels kann der Leser schnell feststellen, was die Autorin in ihren authentischen Geschichten falsch oder richtig gemacht hat.120 Seiten, ISBN 3-934919-04-9, EUR 13,20 oder bei www.mediamaritim.de/shop (Bücher)
Eine Buchempfehlung zu den Winden des Mittelmeeres aus dem Verlag Delius Klasing:
Bei Mittelmeer denkt man an Sonne, azurblauen Himmel, mildes Klima, Pinienwälder, spiegelglattes Meer und die wunderbaren Farben des Wassers. Wozu also ein Buch über die Winde dieser „Badewanne“?
Das Mittelmeer hat durchaus auch noch ein anderes Gesicht:. Die Winde mit den Namen Bora, Levanter, Libeccio, Meltemi, Mistral, Schirokko und Tramontana sorgen dafür, dass, es ein launisches Meer ist, mit raschen Stimmungswechseln, unvorhersehbaren Wetterumschwüngen, heftigen Winden, die plötzlich auftauchen und ebenso schnell wieder verschwinden, mit schweren Stürmen und hartem Wellengang. Buchautor Juan Rigo erklärt die meteorologische Realität des Mittelmeers: Groß- und kleinräumige Wettersysteme sowie lokale Landschaftsstrukturen und Wassertemperaturen bestimmen die so widersprüchlichen Wind- und Wetterereignisse in diesem großen, meist blauen Meer.
Wer sich also auf das Mittelmeer mit seinen Reizen, aber auch mit seinen Wetterlaunen einlassen möchte, sollte sich gründlich informieren. Dazu bietet dieses Buch eine verständliche und übersichtliche Anleitung.
Juan Rigo: Die Winde des Mittelmeers, 144 Seiten, 87 Farbfotos, 30 farbige Abbildungen, Format 19 x 19 cm, englische Broschur, Verlag Delius Klasing, 18,00 Euro.



