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Ein Schiff aus England

9.10.2010 | Markt, Personality

Eigentlich schien die Schiffsüberführung nicht problematisch zu sein.

Wenn ein Segelbegeisteter meint, sein Traumschiff gefunden zu haben, gibt es für ihn kaum Gründe, es nicht in Besitz zu nehmen. Auch wenn dieses mit Mühen und Strapazen verbunden ist, denen man sich im Normalfall niemals aussetzen würde.

Der promovierte Jurist Frank Schmidt hatte auch nach dem Studium von Kleinanzeigen zu Bootsverkäufen „sein“ Schiff entdeckt, das „nur noch“ von Großbritannien nach Gelting an der Ostseeküste gebracht werden musste. Von Jugend an spielte auch das Segeln in seinem Leben eine wichtige Rolle und so schien es kein unmögliches Unterfangen zu sein, ein Schiff aus Großbritannien zu überführen.

In seinem Buch “Nie wieder Calais, immer wieder Drejoe” schildert Frank Schmidt die dramatische Winter-Überführung seiner Sieben-Meter-Yacht von Dover nach Gelting, aus dem wir das zweite Kapitel präsentieren. Der Autor segelt die Yacht Beaulieu, die vom Beaulieuriver in der Nähe von Southhampton stammt, immer noch und sie ist der Gegenstand aller seiner Bücher.

Als ich das Fährschiff von Ostende nach Dover verlasse, müde nach zwei schlaflosen Nächten, überfällt mich die Fragwürdigkeit dieser Unternehmung wie ein Alptraum.

Ende März – und das bedeutete in dem Jahr am Ausgang eines langen und kalten Winters – will ich ein mir unbekanntes Segelschiffchen von knapp sieben Meter Länge mit zwei Kameraden, deren seglerische Erfahrung ich nicht kenne, von England über die Nordsee und die westliche Ostsee bis nach Gelting an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste segeln. Für alte Salzbuckel ist das ein hartes Stück Arbeit, für ein “Greenhorn zur See” wie mich, aber eigentlich bodenloser Leichtsinn. Von Navigation hatte ich keinen Schimmer und meine auf Jollen erworbenen praktischen Segelkenntnisse würden kaum ausreichen, das Schiff sicher aus dem Hafen zu bringen. Wie soll  ich denn mit den berüchtigten Gefahren des englischen Kanals und der stürmischen Nordsee fertig werden?

Nur wenig tröstet mich der Gedanke, daß die “Halcyon 23“ – ungeachtet ihrer geringen Abmessungen – als seetüchtiger Küstenkreuzer gilt und recht gut  ausgerüstet ist. Außerdem werden uns Hans und Martina, zwei anerkannte Hochsee-Segler, begleiten, die zur gleichen Zeit eine neun Meter lange Yacht aus England überführen.

Und dennoch, in der gut geheizten Wohnung nach der dritten Flasche Wein, sah alles viel einfacher aus. Feiner Nieseiregen hüllt die endlosen Kaianlagen in trostloses Grau. Erschöpft trabe ich mit zwei schweren Plastikreisetaschen mutterseelenallein über verlassene Hafenstraßen, ohne die geringste Ahnung, wo ich in dieser Einöde aus dreckigen, rußigen Hafenbecken und halbzerfallenen Schuppen meine Yacht und meine Freunde finden soll.

Langsam, aber sicher; dringt die Feuchtigkeit durch den Kragen und die Nähte meines nagelneuen Ölzeugs. Trübsinnig patsche ich durch eine endlose Kette öliger Pfützen. Wie konnte ich nur in eine derart idiotische, meinem ganzen Wesen fremde Situation  eraten? Was sucht ein 38jähriger, völlig unsportlicher Wohlstandsbürger im Winter auf der Nordsee? Nicht nur d’ie eigene Existenz, auch die meiner Familie setze ich durch derart überflüssige Extravaganzen aufs Spiel. Und was, zum Teufel, hindert mich daran, noch jetzt auf der Hacke kehrtzumachen und das Boot per Stückgut nach Hamburg zu
schicken? Nein, dafür ist es nun zu spät. Aber wie konnte es soweit kommen?

Vielleicht ist mir gerade diese seriöse Wohlanständigkeit, die jedermann ganz selbstverständlich bei mir unterstellt, ein Ärgernis geworden. Vielleicht rührte sich ein Unbehagen darüber, dass sich der Alltag so angenehm fügte, dass sich kein Widerstand mehr zeigte und das Leben in allzu geordneten Bahnen dahinplätscherte. Eine kleine Korrekur also am Kurs, den Konvention und Bequemlichkeit scheinbar unabänderlich festgelegt haben. Oder ist auch das nur ein frommer Selbstbetrug, mit dem ich diese verfahrene Situation zu heroisieren trachte? Habe ich es nicht einfach versäumt, rechtzeitig halt zu sagen, als die Dinge einen unerwarteten Verlauf nahmen; weil. ich vor meinen Freunden nicht zugeben mochte, dass diese Unternehmung eine Nummer zu groß für mich geraten war?

Eine schmuddelige Imbiss-Stube. erinnert mich daran, dass ich seit Stunden nichts gegessen habe. Eine heiße Tasse Kaffee wird die Müdigkeit und die schlotternde Kälte aus meinen Knochen treiben. Der Mann hinter dem Tresen betrachtet mich wie ein exotisches Tier, als ich ihn nach zwei deutschen Yachten im Hafen von Dover frage. In breitem Cockney-Dialekt lässt er keinen Zweifel daran, was er von meinem Geisteszustand im Allgemeinen und dieser unsinnigen Frage im Besonderen hält. Bei einem zähen Sandwich und einer unsäglich bitteren schwarzen Brühe, die sich Kaffee nannte, setzte ich meine melancholischen Meditationen fort.

Nein, da stand kein heroischer Zivilisationsausbruch am Anfang. Unkenntnis und Naivität vielleicht und allenfalls ein bisschen Spiel mit dem Feuer. Der Weg bis zu dieser schmutzigen Kneipe in Dover begann völlig undramatisch vor einem Vierteljahr, als ich zufällig Richard über einem Stapel englischer Yachtzeitschriften antraf. Der Eifer, mit dem er sich durch einen Berg fremdsprachiger Kleinanzeigen durcharbeitete, hätte mich stutzig machen sollen. Wer Richard kennt, weiß, dass nur die Beschäftigung mit einer seiner zahlreichen Marotten ihn zu derartiger Geistesakrobatik veranlassen kann. Denn Richard gehört zu den glücklichen Menschen, für die das Berufsleben nur eine lästige Unterbrechung ihrer Freizeitbeschäftigungen bedeutet. Heimtückisch schenkte er mir einen guten Sherry ein und schob mir die neueste Nummer von Yacht und Yachting über den Tisch. Mir gingen die Augen über: Auf dreißig Seiten wurden Hunderte von gebrauchten Yachten angeboten! Hätte ich mich doch niemals in eine Diskussion über diese Kleinanzeigen eingelassen. Wie ein Fieber erfasste mich jener schreckliche Bazillus, der jeden Segler bei der Lektüre des Gebrauchtbootsmarktes infiziert. Was ist Leidenschaft, was ist krankhafte Sucht gegen jene Gier, die einen Skipper dazu treibt, seinen alten, plötzlich minderwertigen Kahn gegen einen schnelleren, größeren einzutauschen.

Es dauerte keine Stunde, da war mir meine schäbige, kleine Jolle von Herzen zuwider. Von dieser Erkenntnis wiederum war es nur ein Schritt bis zu dem Entschluss, umgehend eine Miniyacht, zumindest mit Schlupfkajüte zu erwerben. Ich verließ Richard mit einem dicken Stapel englischer Yacht-Zeitschriften und detaillierten Informationen über englische Yachttypen und die Entschlüsselung des Abkürzungsalates in den Kleinanzeigen.

In der Tat, das Angebot war umfassend und die Preise, dank des günstigen Pfundkurses gemessen an deutschen Verhältnissen, lächerlich. Die 600 Seemeilen Entfernung von der Südwestküste Englands zur Ostsee nahm mein von Richards Sirenentönen umnebelter Kopf kaum noch zur Kenntnis. Man würde das Boot eben trailern oder auch per Schiff nach Deutschland verfrachten lassen. Die Transportkosten konnten unmöglich den Preisvorteil wettmachen.

Inzwischen ist der Nieselregen in kräftige, mit Schnee durchsetzte Schauer übergegangen. Der Barkeeper hat seine dreckige Schürze abgebunden und stellt ostentativ die Stühle auf den Tisch. Der Irre soll gehen. Es hilft nichts, die Odyssee muss fortgesetzt werden.

Vielleicht wäre alles noch anders gekommen, wenn um die Jahreswende 1974/75 in Südengland nicht so ein zauberhaftes Frühlingswetter gewesen wäre. In Lymingten, gegenüber der Isle of White, blühten die “goldenen daffodils”. Die Rentner saßen auf den Parkbänken, und die unermüdlichen englischen Segler kreuzten auf dem Solent, als ob es keinen Winter in dieser gesegneten Landschaft gäbe. Es waren Tage wie im Traum. Dennis, Weltenbummler und Radar-Spezialist, schloss sein zum Vergnügen betriebenes Yacht-Zubehör-Geschäft am Hafen ab, um uns für drei Tage und Nächte in die Gesellschaft englischer Hochseesegler einzuführen. “He is a yachtsmanII, erklärte er seinen Freunden im Yachtclub am Beaulieu-River. Und von Stund an wurden wir wie Staatsgäste geehrt und von einer Party zur nächsten gereicht.

Zu Dutzenden bot man uns gebrauchte Segelyachten für einen Spottpreis an. Mein zaghafter Hinweis, dss ich an einem trailerbaren Day-Sailer interessiert sei, wurde als gelungener Witz verstanden. Dafür war ich doch bestimmt nicht nach England gekommen. Überhaupt trat der Anlass der Reise immer mehr in den Hintergrund.

Irgendwann in der dritten Nacht landete ich auf dem vorsintflutlichen Fischkutter eines Weltumseglers, der in einem düsteren Winkel im Hafen von Southampton im Schlick steckte. Durch den schmalen, steilen Niedergang drang eine unsägliche Geruchskomposition aus Tabakqualm, Schmieröl und Masse Mensch. Im schwachen Licht der Petroleumlampen huschten Schatten zwischen Kabeln, Maschinenteilen und halbfertigen Holzverkleidungen hin und her, und ein spiddeliges Männchen, das als einziger in der Gesellschaft Jackett und Schlips trug, wies mir einen Platz auf der untersten Niedergangsstufe an. Mindestens ein Dutzend Menschen drängten sich unter Deck, lugte aus den eingebauten Kojen, kroch und stolperte über Tauwerk und Kisten vom Vorschiff nach achtern; denn es war eine Schiffsbesichtigung im Gange. Glücklicherweise geriet ich vorübergehend in Vergessenheit und konnte in Ruhe dieses Inferno auf mich wirken lassen, sofern es mir gelang, Kopf und Schultern vor den Tritten neu eintreffender Gäste zu bergen, die in allen Stadien der Trunkenheit den Niedergang herunter polterten.

Inmitten der quirlenden, singenden Menge in einem wabernden Dunst von Pfeifenqualm und Petroleumgestank, aber stand ungerührt ein wahrhaft teutonisches älteres Weib, dessen graublonde Mähne ihr bis zum Gürtel reichte. Sie stand an einer winzigen Pantry und rührte in einem riesigen Topf, aus dem es unverkennbar nach Fisch roch. Nun rief sie mit Stentorstimme nach dem Beschlipsten, ihrem Mann und Schiffseigner, und befahl, mit der Fütterung der Raubtiere zu beginnen.

Vorsichtig versuchte ich mich im Halbdunkel der Treppe zu bergen, aber schon hatte mich die Schiffsherrin entdeckt. “Teil me your Christian name”, verlangte sie und stellte sich selbst als Rose vor. Auch mutmaßte sie, mich zuletzt in Rarotonga gesehen zu haben. Darauf drückte mir die vollerblühte Seerosy einen Topf mit Fischsuppe in die Hand. Es war die köstlichste Bouillabaisse meines Lebens, und sie harmonisierte aufs Beste mit dem herben Rotwein, der dazu in Plastikbechern serviert wurde.

Irgendwann schwamm der Kutter mit der einsetzenden Flut auf, wurde das Ungeheuer von Glühkopfzylinder zur Probe gezündet und die vermisste Katze gesucht. Ein sehr hübsches Mädchen saß plötzlich auf meinem Schoß. Sie war mit einem Arzt gekommen, der eine Freundin hatte, die eine “Halcyon 23″ verkaufen: wollte. Genau das richtige für mich, wie sie versicherte. Und dann war auch die Freundin da und hieß Pamela, war auch sehr hübsch und außerdem Schiffsmaklerin. In der verräucherten Hafenkneipe, in der wir schließlich landeten, weil das Bier an Bord ausgetrunken war, konnte ich den Vertrag nicht entziffern, weil irgendjemand wegen der Polizeistunde das Licht ständig ein- und ausschaltete. Mit dem ‘etzen Rest meines alkoholumnebelten Verstandes handelte ich den Preis bis an die Grenzen des Anstandes herunter und war beim ersten Morgengrauen im Besitzt eines Küstenkreuzers von knapp sieben Metern Länge, ausgestattet mit Einbau-Maschine, mit Pütt und Pann, mit Klo und Kompass, mit Funkpeiler und Dingi, letzteres allerdings in schlechtem Zustand.

Der Kahn hieß “Zetes”, was immer das heißen mochte, und im schmutzigen Hafenwasser war nicht feststellbar, ob es sich um einen Mittel- oder Kimmkieler handelte, was ich doch wegen der Wassertiefe in meinem Heimathafen Gelting, in den ich den Kahn bringen wollte, unbedingt wissen musste. Nur mühsam finde ich in die nasskalte Wirklichkeit der tristen Hafenkneipe zurück, bezahle meinen Kaffee und mache mich wieder auf die .Suche. Und siehe da, plötzlich tauchte ein schlanker Mast über einer schmutzigen Kaimauer auf, und da weht auch die deutsche Nationale am Flaggenstock eines rassigen Halbtonners von neun Meter Länge, den wir zusammen mit der “Zetes” nach Deutschland überführen wollen.

Aus dem Niedergang sieht mir Martrna entgegen, oder doch ein Wesen, das entfernte Ähnlichkeit mit der aparten jungen Frau hat, die ich vor der Abreise in Hamburg kennenlernte. Die Strapazen stehen ihr ins Gesicht geschrieben, grau und verschwollen und mit rot geränderten Augenlidern. Die Haare kleben wirr und feucht am Kopf und die in meiner Erinnerung freundlichen Formen verlieren sich in einem unsäglichen Sweater und ebensolchen Blue Jeans. Aber dann taucht Hans aus dem Schiebeluk auf, und aus einem Wust von Haaren und Bart strahlt mir ein vergnügtes Grinsen entgegen, so dass mein Stimmungsbarometer gleich um einige Grade steigt. Hans ist der erste Fixpunkt in meinem aus den Angeln geratenen Weltbild. „Dat geit klor“, ist seine stehende Redensart, und das Erstaunliche ist, es geht dann in der Regel auch alles klar.

Als ich vor drei Monaten nach Hamburg zurückkehrte und sich die Probleme mit der Yachtüberführung unüberwindbar auftürmten, schleppte Richard ihn als letzte Rettung an. Später wurden Freddi und Werner zu den Beratungen herangezogen, worauf ich endgültig jeden Einfluss auf den Lauf der Dinge verlor. Klar, dass die „Zetes“ auf eigenem Kiel überführt werden würde. Ich könnte für Reise und Verpflegung zahlen und wenn das unumgänglich wäre, auch mitsegeln. Termin: Ende März. Dauer der Überführung: 10 Tage. Dat geit klar, punktum.

Hans ist das, was die Engländer einen „experienced sailor, a real Yachtman“ nennen und was es unter nüchternen Deutschen eigentlich gar nicht geben dürfte. Ein Mensch also, der. von der Segelei total besessen ist, dessen ganzes Weltbild sich nach Luv und Lee orientiert und dessen Wertvorstellungen sich ausschließlich nach der “Höhe am Wind und dem optimalen Vortrieb“ richten. Geht Hans im Leben etwas schief, und das ist äußerst selten der Fall, so tut er es mit den Worten ab: „Was bricht, war ohnehin zu schwach.” Und da sich sein sonniges Gemüt mit einem fast mystischen Improvisationstalent verbindet, findet er auch stets einen Weg, der ihn aus der Patsche heraus und am Ernst des Lebens vorbei führt.

Hans also begrüßt mich freudig und teilt mir mit, dass auch die „Zetes“ mit Freddi und Werner an Bord in Dover angekommen ist. Allerdings liegt mein Schiff bei Ebbe hoch und trocken im Vorhafen auf dem Strand, weil ein Tampen in die Schraube gekommen ist. Aber, tröstet er mich, es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass bei Flut der Kahn wieder flott wird, wenn kein Starkwind aufkommt und wenn ihn die Brandung nicht vorher demoliert.

Leicht beunruhigt mache ich mich mit meinen beiden Henkeltaschen auf den Weg. Und richtig, da hockt die „Zetes“ auf dem gelb-grauen Sand und Kiesgeröll wie eine fette Ente auf dem Trocknen. Also doch ein Kimmkieler denke ich, aber dann sehe ich, daß in der Mitte zwischen den beiden angerosteten Stahlplatten, auf die sich die Yacht stützt, noch ein dritter Wulstkiel angebolzt ist. Wahrscheinlich hat sich die Werft bis zuletzt nicht entscheiden können, ob die „Halcyon“ eine Kielyacht oder ein Kimmkieler werden wollte und hat dabei ein ganzes Sammelsurium von Ballast am Unterwasserschiff angeschraubt. Das Wasser plätschert wohl zwanzig Meter entfernt, und kein Mensch ist an Bord zu sehen. Es stellt sich das Problem, wie ich das anderthalb Meter hohe Süllbord erklimmen und mich über die Seereling schwingen soll. Denn nun muss ich wohl Besitz von meinem Schiffchen ergreifen. Auf mein Rufen erscheint schließlich Werner im Niedergang und hievt mich samt meinen beiden Reisetaschen mit einem Tampen an Bord.

Werner ist norddeutsch, kernig und wortkarg. Er trägt Ölzeug, Gummistiefel und Pudelmütze und empfindet meine Ankunft als störend. Ich komme mir vor wie unseriöser, ältlicher Handelsvertreter mit unverkäuflicher Ware, der unversehens auf eine Teenagerparty gerät. Auskünfte über den Törn von Lymington bis Dover, den Freddi und Werner ohne mich absolviert haben, sind ihm nicht zu entlocken. Er wendet sich indigniert seiner Bierflasche und dem Pop brüllenden Kofferradio zu. Fröstelnd und resigniert hocke ich mich auf die Plastikpolster.

Endlich kommt Freddi aus der Stadt zurück; nass, gut gelaunt und wie immer etwas übergewichtig. Er hat eingekauft: zehn Liter Orangenkonzentrat im Kanister für uns, weil man den Kanister später für Benzin verwenden kann, diverse Flaschen Bier für sich, ferner eine Kiste minderwertiger Konserven und mindestens dreißig Meter Festmacherleine. Wenn Freddi Geld in die Finger bekommt, in diesem Falle die von mir gestellte Reisekasse, so packt ihn der Kaufrausch. Nicht, dass man den einzelnen Dingen einen realen Nutzen absprechen kann, nur eben nicht in dieser Auswahl und schon gar nicht in diesen Mengen.

Aber das darf man nicht sagen, das würde ihn kränken, denn Freddi ist die akademische Ausgabe von Kuddel-Daddeldu, aber ungleich gepflegter. Selbst in dieser trostlosen Umgebung trägt er zum Ölzeug mit Bügelfalten ein apartes Tüchlein, und sein keineswegs dezentes Herrenparfüm veredelt die feuchtstickige Kajütluft. Freddi kennt keinen Stress und schon gar keine Identitätsprobleme. Den Anforderungen des Lebens steht er gelassen und mit einem penetranten Selbstbewusstsein gegenüber. God damned, wer Philosophie und Jura studiert, wer als Kameramann die Welt bereist und aus nichtigem Anlass hinter schwedischen Gardinen gesessen hat, den wirft so leicht nichts mehr aus der Bahn. Und  auch hier hat er die Dinge voll im Griff.

Ächzend und mit äußerster Vorsicht lässt sich Freddi auf dem Kojenpolster nieder. Auf meine besorgte Frage, ob ihn Hexenschuss, oder Ischias quälen, stellt sich heraus, dass sein Leben doch nicht so ganz ohne Probleme ist. Die holde, wenn auch nicht immer jugendfrische Weiblichkeit verfolgt ihn. Auch diese Reise, gesteht er, ist eine Flucht aus einem Abenteuer, dessen Wunden noch nicht verheilt sind. Freddy schenkt sich einen doppelten Whisky ein und erzählt: Am letzten Tag vor der Abreise saß er in seiner Stammkneipe und hatte schon von dieser und jener bewegt Abschied gefeiert. So auch von einem reifen Mädchen, das er bis dahin noch gar nicht kannte, und das in Begleitung eines Negers gekommen war. Dieser Kavalier hatte zu später Stunde nicht einsehen wollen, dass er überflüssig geworden war und hatte eine Keilerei angefangen. Dann war er ganz ohne Freddis Zutun vom Barhocker gestürzt, wobei er sich im Fallen in einen bestimmten Körperteil seines Kontrahenten verbiss. Freddi nestelte an seinen Hosenträgern, um die schmerzlichen Spuren seiner Heldentat vorzuweisen. Ich verzichtete dankend und bitte um einen kurzen Bericht der bisherigen Reise.

Freddi ist nicht der Mann, durchlittene Gefahren zu verschweigen. Die Geschichte der bisherigen Überfahrt lässt mir die Haare zu Berge stehen. Stürme und Eiseskälte haben die beiden durchstanden. Das Fockfall ging verloren. Die Maschine versagte mehrfach ihren Dienst, bis sie im Nebel gänzlich die Orientierung verloren und versehentlich in Folkstone landeten. Dort haben bösartige Fischer sie bei Nacht von der Pier losgeworfen und als sie verzweifelt unter Maschine die See zu gewinnen trachteten, geriet ihnen ein Tampen in die Schraube.

Nur Freddis überragendem seemännischen Geschick ist die letztendliche Ankunft in Dover zu verdanken. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Wenn auf den ersten 100 Seemeilen Küstennavigation schon so Dramatisches passierte, was erst erwartet mich auf der rauhen Nordsee! Das Schlimmste aber, Freddi hat alle Dokumente vergessen, die zur Ausklarierung erforderlich sind. Pomela hat versprochen, sie an den Zoll in Dover zu schicken, aber an welche Dienststelle und an welche Anschrift, das ist ihm längst entfallen.

Inzwischen steigt die Flut. Freddi beginnt, mit verschiedenen Ankern und Leinen eine kunstvolle Vertäuung herzustellen, um die „Zetes“ vor anrollenden Wellen und harter Grundberührung zu schützen. Er nennt so etwas „gute Seemannschaft”, wenngleich ich den tieferen Sinn dieser Veranstaltung nicht zu erkennen vermag, denn es herrscht Totenflaute. In aller Ruhe schwimmt mein Schiffchen in dem sanften Schwell der Flut auf und lässt sich an der Ankertrosse ins tiefe Wasser bugsieren.

Laut ratternd und stampfend springt die Maschine an und zum ersten mal erlebe ich das erhebende Gefühl, Skipper am eigenen Ruder zu sein. Nicht lange übrigens, denn stotternd und knallend gibt der Jockel schon nach wenigen Metern seinen Geist auf. Das war in meinem Lehrbuch über das Seesegeln nicht vorgesehen. Nichts hilft, die eilends aufgezogenen Segel bläht kein Hauch, langsam treiben wir auf die breite Steinmole des Vorhafens zu und geben wilde Signale. Kurz vor der Strandung nimmt uns ein hilfsbereites Motorboot auf den Haken und schleppt uns durch die Seeschleuse in den tidenunabhängigen Binnenhafen zu Hans und Martina.

Inzwischen dämmert es. Im Schein der Hafenlaternen treiben feuchte Nebelschwaden vorbei und bringen meine Stimmung wieder auf den Nullpunkt. Für die Bürokratie und die Schiffstechnik fühlt sich Freddi nicht zuständig. Insoweit bin ich unangefochten Skipper. Todmüde mache ich mich wieder auf die Wanderschaft durch den Hafen von Dover. Irgendwo in diesem Labyrinth von Schuppen und Hafengebäuden muss ich nun die Schiffspapiere auftreiben, die Starterbatterie muss geladen, und ein Mechaniker aufgetrieben und zum Boot gelockt werden, damit morgen die Überfahrt beginnen kann. Dabei habe ich seit Stunden nichts gegessen, seit Tagen nicht geschlafen und bin durchgefroren bis auf die Knochen.

Die letzten Stunden des Tages vergehen wie ein Alptraum. Im Laufschritt hetze ich durch trübe beleuchtete Büros, in denen gelangweilte Clerks dem Feierabend entgegendämmern. Von Schiffspapieren haben sie nie etwas gehört. Das erste Zollamt ist nur für die Importe, das zweite zwar für Exporte, aber nicht für Ausklarierungen zuständig; dies wiederum ist Sache der Hafenmeisterei, die, als ich sie endlich gefunden habe, längst geschlossen hat. Entnervt schleiche ich mich an Bord zurück, um endlich ein paar Stunden Schlaf zu finden.

Aber nun wollen Freddi, Uwe und Hans Abschied von England feiern mit einem kräftigen Steak und viel Ale. Martina hat sich längst in ihre Koje verzogen. Und außerdem muss auch die schwere Autobatterie noch zur Tankstelle geschleppt werden. Kurz vor Mitternacht, in einer finsteren Kellerbar in Dover, komme ich mir vor wie Graf Wittgenstein persönlich. Hans singt, Freddi bedrängt die ältliche Serviererin, Werner schläft, und ich zahle alles in englischen Pfund in Gold. Erst dann darf ich auf den schmalen Kajütpolstern diesem grauenhaften Tag entkommen.

Der nächste Morgen ist windig, aber der Nieselregen hat aufgehört, und gelegentlich bricht die Sonne durch die Wolke und beleuchtet die Kreidefelsen der Forelands, die wie eine weiße Mauer hinter der schäbigen Stadtkulisse von Dover aufragen. Von einem kräftigen Frühstück gestärkt, sehe ich den Dingen gelassener entgegen. Und schon passiert das erste Wunder. Am Kai hält ein klappriger Morris, und ein uniformierter Beamter händigt mir wortlos die Schiffspapiere aus.

Alles ist vollständig und bereits mit den erforderlichen amtlichen Stempeln versehen. Indirekt hat meine gestrige Odyssee doch noch zum Erfolg geführt. Irgendeiner, ein Yachtmann vermutlich, der gar nicht zuständig war, hat etwas gehört, hat den richtigen Mann angerufen, und hat die Sache in Ordnung gebracht. Die englische Bürokratie mag zwar weniger perfekt als die preußische sein und verschlungenere Wege gehen, aber gelegentlich wird sie von mitfühlenden Menschen praktiziert und nicht allein von Dienstvorschriften. Und auch das zweite Wunder geschieht: Der telefonisch erbetene Monteur erscheint tatsächlich. Mit unendlicher Ruhe säubert er die Zündkerze, die ich gestern schon fünfmal gereinigt habe, prüft. Benzinzufuhr und Zündfunke, was aus dem gleichen Grund völlig überflüssig ist, und drückt den Startknopf.

Und der Wickström-Motor, „built to stand the sea“,wie die Werbung verspricht, springt tatsächlich an. Mit geringem Lohn entfernt sich der Wundermann. Die Reise nach Hause kann beginnen.

Der Autor Frank Schmidt wurde 1937 als Sohn eines Marineoffiziers in Kiel geboren. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und Jurastudium erreichte er eine Spitzenposition in der hamburgischen Industrie. Durch einen schweren Reitunfall verlor er unter anderem die Sprechfähigkeit und auch seinen Beruf. Er stellte seine Kommunikation auf das Schreiben von Erlebnisbüchern um. Alle handeln von der 23 Fuß Yacht “Beaulieu”, die er im März 1975 von England nach Gelting segelte und die noch heute sein zweites Zuhause ist. Inzwischen hat der Autor das Sprechen wieder soweit gelernt, dass er seine Rechtsanwaltspraxis betreiben kann. Neben der Arbeit, dem Segeln und Reiten schreibt der Autor weiterhin Bücher.

“Nie wieder Calais, immer wieder Drejoe”,  Klebebindung, 282 Seiten, 20,5 x 14,5 cm, mit farbigen Illustrationen von Herbert Grundwald, EUR 18,40. Im Buchhandel erhältlich oder auch direkt bei  www.mediamaritim.de/shop/product_info.php/products_id/Nie_wieder_Calais_Immer_wieder_DrejØ_295

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