Nicht nur ein Ende der Segelsaison
9.09.2010 | AllgemeinDienstältester Wettfahrtleiter am Bodensee leitet seine letzte Regatta.
Der Peri-Cup der 30 Quadratmeter Schärenkreuzer vor Lindau am Bodensee (11.-12. 9.) wird für Roland Tröster die letzte offizielle Wettfahrt sein. Nach 21 Jahren als Wettfahrtleiter beim Lindauer Segler-Club, einem der großen Ausrichter von Regatten am Bodensee, legt er die Verantwortung in andere Hände.
Die Segelkarriere des 55-jährigen Roland Tröster begann, wenn man einer Geschichte dazu trauen darf, vor 50 Jahren in einem Waschzuber. In diesen Zuber wurde ein Stab als Mast gesteckt, ein Betttuch hochgezogen – und losgesegelt. Diesem Gefährt ist der erfahrene Segler und Regatta-Obmann des LSC aber schon lange entstiegen.
Mit Roland Tröster sprach Stephan Frank, Pressesprecher des Lindauer Segler-Club:
Frank: Bereuen Sie schon den Entschluss, mit der Wettfahrtleitung aufzuhören.
Tröster: Nein.
Frank: Warum.
Tröster: Weil ich auch an mich und meine Gesundheit denken muß. Das belastet, fast jedes Wochenende auf dem Wasser. Wenn nicht, im Büro. Ständig gilt es, irgendeine Kleinigkeit zu organisieren, ständig will jemand was von mir. Jetzt will ich Zeit für mich – und endlich mal selber segeln.
Frank: Zurück zu 21 Jahre Wettfahrtleitung – hat sich das Regattasegeln verändert in dieser Zeit.
Tröster: Die Leute sind anspruchsvoller geworden, haben mehr Ansprüche an die Wettfahrtleitung und an die Organisation. Zum Beispiel gibt es Mindestanforderungen an den Wind – wenn sie das nicht erfüllt haben, sind sie schon beleidigt.
Tröster: Und da ist die Wettfahrtleitung schuld.
Tröster: (lacht) Schuldig ist immer der Wettfahrtleiter. Früher hat man geduldig gewartet, wenn es keinen Wind gab, jetzt werden die Segler unruhig. Auch verlassen sie abends die Veranstaltung, das gemeinsame Beisammensitzen, jetzt fahren die Leute heim und kommen am nächsten Morgen wieder. Früher haben die Segler auf ihren Schiffen geschlafen. Da geht ein Stück Kameradschaft und Geselligkeit verloren. Auch ist die Meldedisziplin eine Katastrophe geworden. Früher war zwei Wochen vor Regattabeginn Meldeschluß – und das Meldegeld musste auf dem Konto sein. Heute melden die Leute eine halbe Stunde vor Regattabeginn.
Frank: Und klagen, wenn nur die ersten Drei einen Pokal bekommen.
Tröster: Ja. Aus tiefstem Herzen Ja. Normalerweise bestellen wir für das erste Drittel Preise. Wie auch immer die aussehen. Jetzt weiß ich nicht, kommen fünf Schiffe oder 15. Dementsprechend muß ich auch bei unserem Wirt das Abendessen bestellen. Brauche 30 Portionen oder 150. Das macht das Geschäft schwierig.
Frank: 21 Jahre Wettfahrtleitung – hat sich in der Zeit der See verändert.
Tröster: Ja, die Windverhältnisse sind anders geworden. Der konstante Schönwetterwest ist nicht mehr konstant. Der kommt nur noch eine halbe Stunde – und verschwindet wieder. Dafür sind die Nord- und Nordostwindlagen viel mehr geworden. Wir haben jetzt viel mehr Wind aus der Bregenzer Bucht. Früher gab es den nie. Auch der typische Rheintäler, der Südwind in der Bregenzer Bucht ist nur mehr selten da.
Frank: Wenn es denn einen dieser Winde hatte – bei welcher Regatta war’s am schönsten.
Tröster: Der Europacup der Joker 1994.
Frank: Das ist ziemlich lange her.
Tröster: Gute konstante Winde. Gute Segler, absolute Spitze. Italienische, Schweizer, Deutsche Meister, die alle umgestiegen sind auf den Joker, eine Vier-Mann-Gleitjacht. Extrem schnell und schwierig zu segeln. Das war toll, was die bei viel Wind auf dem Wasser gezeigt haben. Und die Leute waren super drauf. Da sind Abends legendäre Partys abgegangen. Schwierig war die Weltmeisterschaft der 8-Meter-R-Yachten. Da hatte es in der Vorwoche bei den Trainingsregatten perfekte Windverhältnisse, bei der WM herrschte dagegen Flaute. Immer segeln an den unteren Windbedingungen. Das war kein Spaß.
Frank: Wettfahrtleitung ist ja nicht nur ein Mann, der mit der Pistole schießt, da braucht es ein großes Team.
Tröster: Bei jeder einfachen Regatta sind es zwölf Mann auf dem Startschiff, den Bojenlegern und an Land.
Frank: Und wenn die Regatta größer wird.
Tröster: 25 bis 30 Mann, bei der RUND UM sind es 100.
Frank: Die kommen immer alle freiwillig, oder ist es mühsam, so viele Leute für ein Ehrenamt zu begeistern.
Tröster: Generell kommen sie freiwillig.
Frank: Wie hat es ihre Frau genommen, dass Sie 21 Jahre lang Wochenende für Wochenende weg waren.
Tröster: Erstens habe ich meine Frau auf einer Regatta kennengelernt,
Ehefrau Evi Tröster unterbricht: auf der Schweizermeisterschaft der Lacustre in Lindau 1979
Tröster: zweitens war sie immer dabei auf dem Startschiff, nicht nur auf dem Wasser, sondern auch zuhause in der Organisation. Sie hat mich immer unterstützt – und jetzt gehen wir zusammen selbst zum Segeln – ohne Wettfahrtstreß.
Frank: Ist es für Sie als Wettfahrtleiter schon mal gefährlich geworden.
Tröster: 2006 beim Europacup der 30er Schärenkreuzer. Da hatten wir in der Rorschacher Bucht eine Windhose mit drei Rüsseln, eine halbe Stunde hat die auf dem Wasser getanzt. Die Regattaschiffe haben sich nicht mehr aus dem Hafen getraut, und ich musste vor der Windhose auf die Segler warten.
Frank: Die 30er sind jetzt auch Ihre letzte Regatta als Wettfahrtleiter.
Tröster: Auf diese Regatta freue ich mich noch, weil es gute, disziplinierte Segler sind und es schon seit Jahren mit dieser Klasse immer schöne und spannende Wettfahrten waren. Und heuer beim Peri-Cup haben wir 22 Meldungen, je größer das Feld – desto schöner die Arbeit als Wettfahrtleiter, wenn der nichts taugt, bleiben die Segler weg. Das ist eine Abstimmung mit den Schiffen.



