Chartern: Check zum Einchecken
3.09.2010 | AllgemeinDas Prozedere der Schiffsübernahme kann unterschiedlich sein.
Von Silke Eggert. Die Übernahme einer Charteryacht besteht aus zwei Teilen: der Abwicklung im Büro (Kaution hinterlegen, eventuelle Restzahlungen leisten und Schiffsunterlagen in Empfang nehmen) und dem Einchecken auf dem Schiff.
Fast jedes Wochenende erlebe ich, dass früh angekommene Chartercrews morgens um 8.00 Uhr mit Sack und Pack vor dem Schiff stehen und am liebsten gleich an Bord wollen, obwohl die Yacht noch nicht gereinigt ist. Damit halten sie nicht nur den Basisbetrieb auf, sondern tun sich auch selbst keinen Gefallen, denn sie setzen das Reinigungspersonal unter Druck.
Wie viel entspannter wäre es für alle Beteiligten, wenn sich die Mannschaft erst mal in ein Café setzt, um in Ruhe abzuwarten, bis das Büro öffnet. Oder, um die erste Neugier zu befriedigen, erst einmal einen Mitsegler ohne Gepäck die Lage auskundschaften lässt.
Wenn dann der Papierkram erledigt ist, geht es an Bord. Das Prozedere der Schiffsübernahme kann sich von Basis zu Basis unterscheiden. Das hängt von dem Personal, der Zeit und der Firmenpolitik ab. Und auch davon, wie viel Erfahrung der Schiffsführer hat, beziehungsweise zu haben vorgibt. Aber auch, wenn die Zeit einmal knapp ist, weil viele Crews am liebsten gleichzeitig abgefertigt werden wollen, werden dem weniger erfahrenen Skipper die Dinge ausführlich erklärt und demonstriert – zumindest in jeder ordentlich geführten Basis. Er muss nur nachfragen.
Wenn das nicht geschieht geht der Basismitarbeiter erst einmal von einem Mindestmaß an Grundwissen über den Umgang mit einer Charteryacht aus.
Wenn Skipper keine Skipper sind
Es folgt eine Begebenheit, die zeigt, dass sich selbst „Profiskipper“ in ihren Fähigkeiten überschätzen können. Wir hatten in der Woche mehrere „mit Skipper“ gebuchte Yachten und unser Skipperstammpersonal war erschöpft. Den letzten noch fehlenden Schiffsführer bekamen wir auf Empfehlung. Etwa eine Stunde nach Auslaufen rief er unseren Basisleiter Miguel an und fragte, wie denn das Großsegel (Lattengroß) gesetzt würde. Er hätte mit aller Kraft gekurbelt und nichts hätte sich getan. Miguel konnte sich das nicht erklären und fragte, ob denn das Großfall irgendwo hakt und überhaupt richtig angeschlagen sei. „Was meinst Du mit Fall und wo könnte ich es finden?“, kam als Gegenfrage. Daraufhin bekam der gute Mann die Anweisung, die 15 Meilen nach Andraitx zu motoren und dort auf seine Ablösung zu warten. Es war für die Vercharterer eine peinliche Angelegenheit. Wie sich herausstellte, hatte der Ersatzskipper bisher nur auf Motorbooten gearbeitet. Die Gäste nahmen den Zwischenfall glücklicherweise mit Humor, nutzten den Vormittag zum Baden und freuten sich über die Flasche Champagner, die es als Entschädigung gab.
Die richtigen Fragen stellen
Beim Check-in wird alles, was ein Skipper zur Bedienung der Yacht wissen muss, erklärt. Wichtig ist dabei auch die genaue Erklärung der Sicherheitsausrüstung.
Doch nicht immer ist das Personal qualifiziert genug, einem wenig erfahrenen Chartersegler die nötigen Tipps mit auf den Weg zu geben, um Anfangsschwierigkeiten zu vermeiden. Und manchmal sind gut gemeinte Ratschläge sogar kontraproduktiv. So habe ich es beispielsweise erlebt, wie ein Techniker auf einer Basis seinen Gästen erzählte, dass die Seeventile nicht geschlossen werden dürfen. Nach seiner Erfahrung hätten die Chartergäste mehr Toilettenprobleme verursacht, indem sie bei geschlossenem oder nicht ganz offenem Seeventil gepumpt hätten. Eine über die Toilette gesunkene Yacht kam in seinem zweijährigen Erfahrungsschatz offensichtlich nicht vor.
Jedes Mal, wenn ich bei der Übernahme nach dem Seeventil vom Motor gefragt hatte, bekam ich die Antwort: „Das brauchst Du nicht.“ Normalerweise nicht, das ist richtig, doch trotzdem sollte jeder Skipper wissen, von wo es zugänglich ist. Und warum werden in der Regel Rettungsinsel, Wantenschneider, Notruder und Feuerlöscher gezeigt? Alle hoffen doch, dass sie die während eines Törns auch nicht zum Einsatz bringen müssen. Ziemlich bewusst werden dem Charterer technische Details verschwiegen, denn nicht selten richten Charterskipper aufgrund ihrer Unerfahrenheit mit Inspektionen und „Eigenreparaturen“ Schäden an. Deshalb besonders wichtig: Wenn möglich soll der Charterer bei technischen Problemen unbedingt die Basis informieren, bevor er selbst anfängt zu werkeln.
Wenn einer es zu gut machen will
Ein Beispiel dazu aus der Praxis, wie schnell etwas schief gehen kann: Ein Charterkunde fragte bei der Übernahme, was er unterwegs am Motor zu überprüfen hätte. Bestenfalls Öl und Wasser, erwiderte der Techniker und fügte hinzu, dass der Motor erst vor kurzem seinen Service bekommen hatte.
Trotzdem zeigte der Mitarbeiter ihm Ölpeilstab und auch die beiden Kühlkreisläufe. Am Abend rief der Kunde aus Andraitx an und bat um ein Ersatzschiff. Ihm war unterwegs der Motor ausgefallen, woraufhin er die Seenotrettung gerufen hatte, um sich abschleppen zu lassen.
Glücklicherweise hatten wir eine andere Yacht, die wir ihm und seinen Mitseglern zur Verfügung stellen konnten. Bei der Einweisung in das neue Schiff, erwähnte unser Techniker, dass er bei Motor-fahrt immer darauf achten soll, ob das Kühlwasser aus dem Auspuff kommt.
Bei näherer Untersuchung der „Havarieyacht“ stellten die Techniker fest, dass der Deckel vom Seewasserfilter nicht richtig aufgeschraubt war. Dadurch war offensichtlich Luft in das System gekommen und die Seewasserpumpe zog kein Kühlwasser mehr. Wenn der Rudergänger dann nicht bemerkt, dass draußen kein Kühlwasser ankommt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Motor überhitzt ist und ausfällt. Aber warum hatte der Kunde vorm Ablegen den Deckel abgeschraubt, fragten die Techniker sich. Erst nach einer Woche hörten wir wieder von dem Chartergast. Diesmal hatte er den Rat befolgt, uns sofort zu informieren, als es Probleme mit dem Schiff gab. Er rief mich von See an und berichtete, dass seit zwei Minuten kein Kühlwasser käme. Da der Hafen von Alcudia nur 1,5 Meilen entfernt war, würde er dort ohne Probleme hinkommen, versicherte ich ihm.
Unser Techniker staunte nicht schlecht, als er sah, dass der Deckel des Filters wieder nicht richtig saß. „Ich prüfe vor dem Losfahren immer das Kühlwasser beider Kreisläufe“, erklärte der „bedripste“ Skipper. Und um festzustellen, ob auch der Seewasserkreislauf Wasser hat, schraubte er den Filter auf und sah dort nach, ob Wasser vorhanden ist.
So hat die vermeintliche Sorgfalt des Skippers zu einem Motorschaden geführt. Es hätte aber auch noch schlimmer kommen können, wenn der Motor in einem Moment ausgefallen wäre, in dem eine motorlose Yacht gefährdet wäre.
Mit dem Basistechniker durchgehen und gegebenenfalls auf Funktionstüchtigkeit prüfen:
- Sicherungen am Schaltpaneel.
- Instrumente und Geräte.
- Toiletten und Seeventile.
- Druckwassersystem und Bedienung der Tanks.
- Bilgepumpen manuell (Pumpenschwengel) und elektrisch.
- Sicherung und Bedienung der Ankerwinsch (manuell und elektrisch).
- Starten und Abschalten des Motors.
- Navigationslichter, Decks- und Ankerlicht.
- Bedienung der Segel.
- Wasser- und Dieseltankverschlüsse.
Zur Sicherheitsausrüstung gehören:
- Lifebelts und Rettungswesten.
- Rettungsinsel.
- Rettungskragen mit Notlicht.
- Notruder.
- Feuerlöscher.
- Seenotsignale.
- Werkzeug.
- Bordapotheke.
- Wantenschneider.
- Fernglas und Taschenlampe (Ersatzbatterien).
Erfragen:
- Motordrehzahl bei Marschfahrt.
- Motorbatterie separat?
- Hauptschalter.
- Was ist unterwegs zu prüfen und wie mache ich das genau?
- Notfallnummern.
- Wo gibt es Wetterberichte?
- Wie erreiche ich den Hafenmeister (UKW-Kanal oder Telefon)?
- Gibt es in dem Revier oder mit dem Wetter besondere Eigenheiten?
- Revier-Tipps.
- In welcher Maßeinheit ist die Wassertiefe auf den Karten verzeichnet – wo befindet sich der Echolotgeber.
- Missweisung (mit der Karte überprüfen).
Prüfen ob vorhanden:
- Küchenutensilien entsprechend der Anzahl der Mitsegler.
- Hafenhandbuch in einer Sprache, der ich mächtig bin.
- Navigationsbesteck, mit dem ich umgehen kann.
Und als Einstimmung auf einen Charterurlaub empfiehlt sich die Lektüre des Erfahrungsschatzes einer Charter-Profiseglerin: „Wasser im Schiff“ und andere Segelgeschichten. Die Autorin Silke Eggers, eine erfahrene Charterskipperin, die zehntausende Meilen abgesegelt und dabei auch bisher viermal den Atlantik überquert hat, hat ihr Wissen zusammengetragen und ein Lese(lehr)buch geschrieben. Hier können nicht nur angehende Charterskipper erfahren, wie man richtig mit einer Yacht umgeht, auch Yachteigner finden eine gleichermaßen unterhaltsame wie auch lehrreiche Lektüre. Es bringt Spaß, die „Segelabenteuer“ von Silke Eggert zu lesen. Durch kurz gefasste Resümees am Ende jedes Kapitels kann der Leser schnell feststellen, was die Autorin in ihren authentischen Geschichten falsch oder richtig gemacht hat.120 Seiten, ISBN 3-934919-04-9, EUR 13,20 oder bei www.mediamaritim.de/shop (Bücher)



