Kanaltour mit 97 Schleusen
26.08.2010 | AllgemeinCanal Marne au Rhin von Toul bis Vitry-le-François. Ein Reisebericht.
Von Doris Sutter. Den Rhein-Marne-Kanal bis Vitry-le-François habe ich bereits in meinem Buch „Tour de Plaisir“ ausführlich beschrieben. Deshalb werde ich mich auch hier nur auf einige Vorkommnisse und Änderungen beschränken.
Bis Vitry liegen 131 km und 97 Schleusen vor uns. Was liegt da näher, als vorher in Toul eine kurze Verschnaufpause einzulegen.
Der Kanal läuft in Toul durch den ehemaligen Burggraben der von Vauban (Baumeister des Sonnenkönigs) entworfenen Verteidigungswälle und führt direkt in den Port de France. Gut, dieser Name ist wirklich ein wenig hochtrabend, aber für uns ist er wie ein Willkommen in Frankreich. Der erste Einkauf in einem französischen Supermarkt, das erste wirklich gute Baguette. (Der Bäcker am Hafen hat wieder geöffnet) Eine Nacht mit Wasser und Strom 6 Euro. Hier bleibt man gerne einige Tage. Wenn nur nicht die Krähen wären.
Es gibt einen alten französischen Spruch: Vier gallische Krähen, Eine für die Sorgen, Zwei für die Freude, Drei für eine Hochzeit, Vier für eine Geburt. Schön! Nur warum sind hier tausende? Okay, so viele sind es nicht, aber sie machen ein Geschrei, dass man meinen könnte eine ganze Krähen-Armee wollte Toul nur durch Krächzen erobern. Mehr als 50 Nester kann ich in den Bäumen um den Hafen zählen. Ganz sicher sind, versteckt im dichteren Laub, noch viel mehr.
Man gewöhnt sich an das Hintergrundgeräusch, und nachts schlafen auch sie. Fasziniert beobachten wir ein Greifvogelpärchen, das stundenlang durch das Hafenbecken streift und nach Beute unter Wasser Ausschau hält. Und weil wir gerade bei Federvieh sind: Manchmal findet ein blindes Huhn auch ein Körnchen. Im Lidl in Toul gibt es 20 Kaffee-Pads für einen Euro. Nicht schlecht Herr Specht!
Neu in Toul sind die sanitären Anlagen. Toiletten und Duschen wurden umgebaut und erneuert. Die Duschen sind jetzt warm, und es gibt eine richtige Toilette, kein Plumpsloch mehr. Die Türen öffnen sich nur mit einem Code, den die Hafenmeisterin verrät, und warmes Wasser kostet einen Euro. Warmduscher aller Nationen freut euch!
Gelingt es einem, als erster in die Schleusentreppe einzufahren, kommt man in den Genuss, in glasklarem Wasser über einen undurchdringlichen Unterwasser-Dschungel zu schippern. Gute zwei Stunden brauchen wir, um die 10 Automatik-Schleusen und den gut beleuchteten Tunnel von Foug zu bewältigen. Alle Schleusenhäuser wurden renoviert und sind wieder sehr hübsch anzuschauen.
866 Meter lang ist der Tunnel von Foug. Er ist kaum breiter als unser Boot. Diese ganze Strecke schnurgeradeaus zu fahren, ohne anzurumsen, dafür gebührt meinen Skipper ein dickes Lob.
Wunderschöner Laubwald begleitet den Kanal. Er gehört zum Parc naturel regional de Lorraine. Hinter dem Aquädukt über die junge Maas öffnet sich ein breites Gebiet mit einem Patchwork-Teppich aus grünen Feldern, Äckern, Weiden und gelbem Raps. Ein unvergleichlicher Anblick. An den Rand eines Hügels geschmiegt schlängelt sich die 19 km lange Staustufe, teils unterhalb, teils oberhalb der Autobahn. Die folgenden 12 Schleusen heben uns zur Stauhaltung vor dem knapp 5 km langen Tunnel von Mauvages, mit dem die Wasserscheide zwischen Marne und Mosel durchquert wird.
Der VNF, man kann es kaum anders ausdrücken, macht viel Brimborium um diesen Tunnel. Wir sind schon mehrmals durch den Tunnel gefahren. Alleine, völlig problemlos. Jetzt gibt es ein Reglement. Die zweite Seite widerspricht der ersten. Erst heißt es, dass Sportboote nur mit der Berufsschifffahrt geschleppt werden, und der Motor muss ausgeschaltet sein. Auf der zweiten Seite heißt es, dass Sportboote den Motor anlassen müssen, zwecks besserer Manövrierfähigkeit. Aber im Konvoi und angehängt an das Schleppschiff wäre obligatorisch. Zweimal täglich wird in jede Richtung geschleppt. Laut Plan soll es um halb elf losgehen. Um zehn erscheint der Fahrer des Kettenschleppers: wir sollen kommen. Ohne Schleppseil dürfen wir dem Kettenschiff folgen. Darüber sind wir sehr froh, denn auch der Kettenschlepper reißt die angehängten Boote von einer auf die andere Seite.
Nach 200 Metern im Tunnel ist erst mal Schicht im Schacht. Das Stromkabel an der Tunneldecke hat sich ausgehängt. Rückwärts ist jetzt die Richtung. Nur ein petit problèm, sagt der Service. Als wir schon fast wieder am Eingang sind, beginnen die Fahrer mit dem Bootshaken das Stromkabel an der Decke wieder einzuhängen. Es gelingt und es geht weiter. Fast fünf Kilometer liegen vor uns, immer begleitet von dem lauten Rattern der Kette, das sich zur Mitte des Tunnel hin erhöht und richtig in den Ohren weh tut. Dazu knallt der Schlepper immer mal wieder an die Bande wie eine Bowlingkugel. Es ist bitterkalt im Tunnel, und öfters erhalten wir einen Guss von oben. Wir haben im Schlepp schon schlimmere Tunneldurchfahrten hinter uns gebracht. Doch auch bei dieser sind wir froh, als sich der Ausgang zeigt. 1,5 Stunden für knappe fünf Kilometer in diesem Getöse sind wirklich genug.
Vor dem Tunnel regnete es wie aus Kübeln, doch als wir den Tunnel verlassen, freut sich die Sonne uns wieder zu sehen. Ab sofort geht es abwärts mit uns. Eine Automatik-Schleusentreppe mit 17 Schleusen, dann erhalten wir eine Fernbedienung und lassen noch einmal sechs Schleusen hinter uns, bis wir in Ligny-en-Barrois anlegen.
Es ist eine wundervolle Fahrt durch das Tal der Ornain, von einem stellenweise tiefblauen Himmel überstrahlt. Die Luft ist mild, und um uns herum sprießen Frühlingsblumen. Kleine Farbtupfer im frischen Grün der Wiesen. Die gelben Wasserlilien haben ihre Knospen noch nicht geöffnet, doch die kräftigen jungen Triebe und die glänzenden grünen Blätter sind voller Verheißung. Goldregen überschütten die Hänge mit ihren gelben Kaskaden und lassen uns staunen über so viel Farbenpracht. Ein kleiner Wehmutstropfen sind manche Schleusen, die so randvoll sind, dass wir alle Hände voll zu tun haben, Belugas Rumpf vom Rand abzuhalten, auf den die Fender aufschwimmen. Wirklich eklig wird das, wenn es stark windig ist.
Ligny hat einen sehr schönen Wohnmobilstellplatz am Hafen. Duschen sind erst ab 15.Mai geöffnet. Zum Kassieren kommt vorher auch niemand. Hier erleben wir zum ersten Mal eine richtige Müllsortiereinrichtung mit gelben Säcken und verschiedenen Mülltonnen. Deutsche und Holländer wühlen brav in ihren Müllsäckchen und füllen die einzelnen Behälter. Die Franzosen grinsen nur, schütteln den Kopf und werfen ihren Müllsack in die nächststehende Tonne.
Alle Schleusen bis kurz vor Bar-le-Duc sind jetzt automatisiert. Schön, wenn man seinen Rhythmus selber bestimmen kann. Die Fernbedienung macht uns unabhängig. Wir können morgens beginnen wann wir wollen, mittags eine kleine Rast machen und aufhören wo und wann es uns gefällt. An Schleuse 37 vor Bar-le-Duc ist es mit unserer Freiheit vorbei. Die Schleuse ist nicht automatisiert, aber es ist auch kein Schleusenmeister da. Da hilft nur, Nägel in die Uferwiese hauen und warten.
Eine Stunde später klärt uns der Schleusenmeister auf, dass die nächsten vier Schleusen elektrifiziert sind, nicht mehr automatisch, und auch die Hebebrücken von ihm bedient werden. Danach geht es manuell weiter bis Schleuse 50.
Direkt hinter Schleuse 41 befinden sich ein Intermarché, ein Bricomarché und Poller im Ufer zum Anlegen. Eine Gelegenheit, die man sich merken sollte.
Manuell heißt, dass der Schleusenmeister die Tore und Schütze mit Muskelkraft bedienen muss. Für uns heißt das: Manfred fährt ein, ich fange einen Poller, er steigt aus, hilft dem Schleusenmann drehen. Ich schleuse das Boot alleine und manövriere es an die Leiter, damit ich Manfred wieder aufnehmen kann, wenn die Schleusen leergelaufen und die Tore geöffnet sind.
In kurzen Abständen folgt Schleuse auf Schleuse. Als wir mittags wieder die Automatikschleusen erreichen, nehmen wir die Gelegenheit wahr und bleiben an einem gemähten Rasenplätzchen liegen, um Manfreds Geburtstags Cote de Bœuf zu grillen. Es wartet mariniert schon seit einer Woche im Kühlschrank auf seinen großen Tag. Dass wir den Regenschirm über dem Grill brauchen, schadet seinem Geschmack nicht.
An Ecluse 56 nimmt uns der Service die Schleusenfernbedienung wieder ab. Es folgen radarüberwachte Schleusen. Sie funktionieren sehr langsam. Und Nummer 67 will uns gar nicht mehr hergeben. Erst der herbeigerufene Schleusenmeister bringt ihr Manieren bei. Vor Schleuse 64 ist ein Anleger mit Strom und Wasser und direkt an der Schleuse ein Restaurant.
Der Hafen Vitry-le-François ist ziemlich gut besucht. Alle großen Plätze außen und in der Einfahrt sind belegt. Manfred rangiert rückwärts in die Hafeneinfahrt. Sie ist, da auf einer Seite eine Plaisir-Penische liegt, kaum breiter als wir. Prompt haben wir Grundberührung. Und das nicht zu knapp. Als wir in einer der kurzen Boxen fest vertäut sind, kommt ein Engländer und teilt uns mit, dass er am nächsten Morgen wegfahren will. An uns kommt er nicht vorbei. Also legen wir ab und versuchen es, trotz sehr wenig Wassertiefe, ganz hinten im Hafen. Die kurzen Fingerstege reichen nicht mal bis zu unserem Einstieg, obwohl wir mit der Badeplattform an der Spundwand liegen und unser Beiboot schon so weit über den Weg reicht, dass keiner mehr vorbeikommt. Wir füllen das Hafenbecken vollständig und unseren Kühlschrank im nahen Leclerc Hypermarché. Einer dieser Supermärkte, für deren Besuch sich eine Fahrt durch Frankreich schon lohnt.
Das Interessanteste an Vitry ist wohl sein Dorfplatz, die Place d’Armes, beherrscht von einer imposanten Kirche aus dem 17.-18. Jahrhundert. Wunderschön der Brunnen mit der Marne-Göttin mit dem Paddel in der Hand. In Vitry ist alles im Rechteck. Die Stadt wurde im Auftrag ihres Namensgebers Francois I. neu angelegt. Ein Blick in den Stadtplan zeigt ein perfektes Quadrat mit rechteckigen Häuserblocks. Alle Straßen sind gerade und kreuzen sich im rechten Winkel. Als die Anlage fertig war, musste man Dutzenden Straßen, die keine Vergangenheit hatten, neue Namen geben. Man verfiel auf die Monate des Jahres und auf Heiligennamen. Deshalb stolpert man in der Innenstadt über jede Menge „Saint“, St. Abdon, St. Michel, St. Eloi, St.Germain, usw.
Vitry behauptet von sich, eine bedeutende Binnenschifferstadt zu sein. Tatsächlich gibt es noch eine Werft, die aber leider mehr einem Schrottplatz ähnelt. Hier treffen drei Kanäle zusammen. Der Kanal Marne a la Saône, heute heißt er Canal entre Champagne et Bourgogne, der Rhein-Marne-Kanal, über den wir kamen, und der Canal laterál à la Marne, der Marne-Seitenkanal, der uns zum schiffbaren Teil der Marne bringen wird.
Die Autorin Doris Sutter über sich selbst:
Mit meinen beiden Hobbys bin ich voll ausgelastet. Im Sommer sind wir mit Beluga auf Achse. Machen die Wasserstraßen Europas unsicher. Darüber schreibe ich dann jedes Mal einen Reisebericht. Nicht nur eine Kurzversion wie hier, sondern mit allem, was uns so unterwegs passiert. Denn Vieles ist zum Lachen und manches zum Heulen. Das will man doch nicht alles vergessen. So hat sie begonnen, meine Zeit als unruheständlerischer Schreiberling. Heute “arbeite” ich (was für ein schreckliches Wort für eine so schöne Sache) als Reisekorrespondentin des Magazins “WasserSport”. Schreibe Kolumnen für Boots-Magazine und Vereins-Zeitungen.
Mein Buch “Beluga geht durchs Nadelöhr” ist ungebrochen der Bestseller des Verlages (www.mediamaritim.de/blog/bucher/tour-de-plaisir-schippern-wie-gott-in-frankreich/#more-5788). Das Buch ist auch erhältlich unter www.mediamaritim.de/shop (Bücher).



