Bernsteinfunkeln am Hindenburgufer
30.06.2010 | AllgemeinRolex Baltic Week in Kiel vom 30. Juni bis 4. Juli 2010.
Das ehrwürdige ehemalige Olympia-Hafenbecken in Kiel-Düsternbrook erstrahlt in frischem Glanz: Formvollendete, schlanke Rümpfe der Bootsbaukunst liegen in erster Reihe direkt an Kiels schönster Promenade, dem Hindenburgufer, präsentieren sich in bernsteinfarbigen Mahagoni-Hölzern, zeigen ihre perfekt verlegten Teak-Decks und zerren an den Festmachern, als wollten sie beweisen, dass sie nicht nur schön sind, sondern in ihnen auch das Herz von Rennziegen schlägt. Die klassischen Segelschönheiten der Meter-Klassen sind bereits in Kiel eingetroffen, und der Sommer nimmt Anlauf für eine perfekt inszenierte Rolex Baltic Week, der zweiten in Kiel und der siebten insgesamt an der deutschen Ostseeküste. Am Mittwochabend (30. Juni) wird die Rolex Baltic Week feierlich im Kieler Yacht-Club eröffnet, von Donnerstag bis Sonntag (jeweils ab 12 Uhr) gehen die Klassen der 6mR, 8mR und 12mR auf die Regattabahnen in der
Kieler Innen- und Außenförde. Die elf Achter segeln dabei den Euro-Cup aus, für die jeweils sechs Zwölfer und Sechser geht es um den Robbe & Berking Sterling Cup.
Es wird eine Rolex Baltic Week der Geschichte und der Geschichten. Schließlich segeln die Yachten auf den historischen Revieren der Olympischen Spiele von 1936 und für einige Schiffe wird es nach 74 Jahren ein Wiedersehen mit der Stätte ihrer großen Erfolge geben. So bringt der Duisburger Bernhard Kolbe seine „Germania III“ an den Start, den Achter der ehemals Bronze für die deutsche Crew um Hans Howaldt gewann. Und auch der Sechser „Aida“ von Björn Storsberg (Arnis) kreuzte 1936 unter argentinischer Flagge vor Kiel, segelte damals auf Platz fünf.
Die majestätischen Zwölfer, rund 21,50 Meter lang, sind die ungekrönten Königinnen in Kiel. Ihre Geschichten reichen hier von der fast hundertjährigen „Heti“, die 1912 gaffelgeriggt wurde, über die „Anitra“ (1928) vom Co-Organisator Flensburger Segel-Club (FSC) und Wilfried Beecks „Trivia“ von 1937 bis zur Cupverteidigerin „Sphinx“, die ehemalige „Ostwind“ der Bundesmarine, die 1939 bei der Renommierwerft Abeking & Rasmussen.
Vor allem die Achter werden in den vier Tagen im Mittelpunkt des Interesse stehen, schließlich geht es für sie nicht nur um den europäischen Titel, sie bieten auch die
ganze Bandbreite dieser aufregenden Segelklasse. So segeln vor Kiel Yachten der ersten Generation im direkten Vergleich mit einem modernen Achter. Genau 90 Jahre liegen zwischen den „First Rule“-Schiffen „Elfe II“ und „Sposa“ und dem 2002 gebauten modernen Achter „YQuem II“.
Perfekt restauriert und ausgestattet mit auffälligen Riggs werden sich die beiden 98 Jahre alten, historischen Yachten ein Bodensee-internes Rennen vor Kiel liefern. Denn sowohl die gaffelgetakelte „Sposa“ als auch die zweimastige Spreizgaffel-Ketsch „Elfe II“ sind im Lindauer Segelclub beheimatet und wurden eigens für die Rolex Baltic Week in den Norden transportiert. „Für uns ist das eine Selbstverständlichkeit, wir sind mit einer jugendlichen Crew viel auf internationalen Regatten unterwegs“, berichtet „Sposa“-Eigner Richard Gervé. Und erfolgreich ist die Crew zudem, wurde 2007 Vize-Weltmeister in der „First Rule“-Gruppe.
Sie wird auf Gegner treffen, die deutlich jüngere Schiffe, gesetztere Crews, aber weniger Erfahrung auf der Achter-Regattabahn hat. Die Mannschaft der frisch restaurierten „Svanevit“ sieht sich nach eigenen Worten als „Rookie“-Team. Erst seit einem halben Jahr hält Eigner Karsten Niehaus (Köln) den Messbrief in den Händen. „Dafür mussten wir an dem Schiff einige Veränderungen vornehmen“, erklärt Niehaus. Unter anderem wurden Vorluk und Cockpit regelkonform verkleinert. In zweijähriger Arbeit hat Niehaus der 1939 gebauten „Svanevit“ ihren ursprünglichen Charakter wieder eingehaucht. „Die Schiffe hatten ursprünglich den Anspruch eines Regattaschiffs, das auf eigenem Kiel von Ort zu Ort segeln konnte“, erklärt der Eigner, dessen Schiff daher selbstverständlich eigene Kojen hat. Wie das Gros des Feldes wird die „Svanevit“ in der „Classic“-Division, der von 1920 bis 1966 gebauten Boote, an den Start gehen.
Eine Ausnahmestellung im Feld nimmt die erst acht Jahre alte „YQuem II“ ein, die in den vergangenen beiden Jahren jeweils zur Vize-Weltmeisterschaft gesegelt ist. Das Kunststoff-Schiff von Eigner Jean Fabre stammt aus dem Genfer Club SNG, der auch die Heimat von Ernesto Bertarelli ist. Und die Vorgängerin „YQuem“ diente dem zweimaligen America’s-Cup-Gewinner auch vor seinem AC-Engagement als Trainingsschiff. Fabre hat sich seit fast zwei Wochen vor Kiel auf das Ereignis vorbereitet. Er sieht die „Ann-Sophie“ von Hanns-Georg Klein (München) sowie die „Aun“ von Yutaka Kobayashi (Kobe/Japan) als größte Konkurrenten. Die Japaner haben zwar ein nach historischen Rissen gezeichnetes, aber erst vor wenigen Jahren in Portugal gebautes Schiff, das in Hamburg beheimatet ist und für die aus Japan einfliegende Crew bereit gehalten wird.
So werden von den Rennen vor Kiel, wenn die Klassen von den Wettfahrtleitern Eckhart Reinke (KYC) bei den Achtern und Claus-Otto Hansen (FSC) für die Sechser und Zwölfer bei voraussichtlich sommerlichen Wind- und Wetterbedingungen aufs Wasser schickt werden, nicht nur die Geschichten der Sieger zu erzählen sein, sondern auch viele Anekdoten am Rande.
C) Fotos: Rolex/Carlo Borlenghi



