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Tödliche Sturmfahrt der VEGESACK

17.06.2010 | Allgemein

Band 7 der Reihe “Rausfahren, wenn andere reinkommen”.

Winter 1909 – Orkan und Eiseskälte: Die Besatzung des Horumersieler Ruderrettungsbootes VEGESACK ist im Einsatz. Die Rettung der Mannschaften zweier in Not geratener Frachtsegler gelingt. Doch der Rückweg gerät zu einer Höllenfahrt. Sieben Menschen halten die Strapazen nicht durch – sie sterben.

In diesem Buch wird die spannende Geschichte der VEGESACK und der DGzRS-Station Horumersiel mit allen ihren Rettungsbooten vorgestellt. So erfährt der Leser alles über die oftmals lebensgefährliche Arbeit der Helfer bei Seenot – damals und heute.

Ulf Kaack: Tödlicher Sturm, Die Rettungsfahrt der VEGESACK, Band 7 einer Reihe über die DGzRS, 96 Seiten, 151 Abbildungen, 27 cm x 18,5 cm, 19,90 EUR

Eine Leseprobe:

Das Ächzen und Knurren des Rumpfes, das sonore Knirschen der Takelage – es hatte nichts Bedrohliches an sich, gab keinerlei Anlass zur Besorgnis. Im Gegenteil: Der Klang war Vertrauen erweckend, untermauerte in seinem Tonfall die Robustheit traditioneller Schiffbaukunst. In den Fallen und Stagen pfiff der frische Südwestwind wie im Einvernehmen ein heulendes Lied dazu.

Eine Tjalk läuft unter Segeln in der Deutschen Bucht nördlich von Helgoland.

Die Tjalk war ein ehrliches Schiff. Solide und stabil gebaut mit Querschotten aus Stahl, gutmütig in ihren Fahreigenschaften und ein unempfindliches Arbeitstier auch in schwerer See. Als „Ora et labora“ verrieten die Buchstaben am Bug den Namen des Frachtseglers – bete und arbeite, so die lateinische Bedeutung des Imperativs.

Schwerfällig, doch nicht ohne eine gewisse Eleganz, lief die Tjalk am Vormittag des 2. Dezember 1909 mit dem Elbstrom seewärts. Kurs Deutsche Bucht. Mit einer Leichtigkeit segelte es sich halbwinds mit dem steifen eisigen Südwest, der beständig zunahm. Immer wieder kam Spritzwasser über. Die Hecksee glänzte silbern in der tief stehenden Dezembersonne. Der Küstensegler machte gute Fahrt über Grund. Doch der zunehmende Seegang und Starkwind gaben dem erfahrenen Kapitän und seiner Besatzung auch Anlass zur Sorge.

Immer heftiger arbeitete das Schiff in der See. Am Flaggenstock auf dem Spiegelheck der „Ora et labora“ wehte die niederländische Nationalfahne. Ter Apel war ihr Heimathafen. Ein kleiner holländischer Ort im niederländischen Gebiet des Bourtanger Moors. Weit im Binnenland gelegen, verfügt er durch das weit verzweigte Kanalsystem über einen Zugang zur Nordsee. In Hamburg hatte der Küstensegler Ölkuchen – Rückstände von Ölmühlen, die in der Landwirtschaft als Dünger oder Futtermittel Verwendung fanden – im Frachtraum seines bauchigen flachen Rumpfes gestaut und steuerte nun den kleinen Hafen von Wildervank südöstlich von Groningen an, um dort seine Ladung zu löschen.

Am Nachmittag ließ Kapitän Smit auf Neuwerk-Reede den Anker werfen. Mit ihm an Bord waren seine beiden jüngeren Brüder – der eine Steuermann, der andere Decksmatrose, außerdem die Frau des Schiffers und mit ihr das gerade einmal fünf Monate alte Kind. Beide waren mit der Bahn nach Hamburg gefahren und dann an Bord der „Ora et labora“ gegangen, um bei Mann und Vater zu sein. Nicht ungewöhnlich bei Küstenfahrern, waren die kleinen Frachtsegler doch gleichzeitig auch Haus und Heimat für den Eigner und seine Familie.

Obwohl der Wind auch jetzt an der offenen See spürbar auffrischte, beschlossen die drei Seemänner noch am Abend des 2. Dezember 1909 ankerauf zu gehen und das nur wenige Seemeilen entfernte Fahrwasser der Jade anzusteuern. Dort, so ihre Einschätzung, wird sie der Seegang weniger hart treffen. Man wollte keine Zeit verlieren, den Zielhafen zu erreichen und die wertvolle Ladung ihrem Besitzer zu übergeben.

Zeitgenössische Darstellungen zeigen den Transport von Ruderrettungsbooten vom Rettungsschuppen zum Strand mit von Pferden gezogenen Ablaufwagen.

Rund 50 Seemeilen südwestlich, in Horumersiel im Wangerland, ließen sich die Bewohner des kleinen Fischerdorfes von dem herrschenden schweren Wetter wenig beeindrucken. Der Wind pfiff durch die Gassen, laut vernehmlich heulte der Sturm und schlug das auflaufende Wasser mit Macht gegen die Spundwände des Hafenbeckens. Auf der Deichkrone zu flanieren war unmöglich. Hier an der Küste nichts Ungewöhnliches. Höchstens ungemütlich war es, aber dafür gab es ja warme Kleidung sowie regen- und winddichtes Ölzeug. Überhaupt ließen sich die Horumersieler an diesem Abend die Laune nicht verderben. Im Strandhotel „Zur schönen Aussicht“, gelegen direkt hinter dem Deich, fand an diesem 2. Dezember 1909 ein beliebter Gesellschaftsabend für die Bürgerinnen und Bürger, für Jung und Alt statt. Eine Art Volksfest, auf das sich jeder nach der langen Fangsaison freute.

Ausgelassen wurde gefeiert und getanzt und hinter den dicken Fensterscheiben nahm kaum einer der Anwesenden wahr, wie sich der heftige Wind mittlerweile zu einem ausgewachsenen Sturm zusammengebraut hatte. Heißer Grog floss in Strömen, Tabakschwaden vernebelten die Gaststube, Ausgelassenheit herrschte. Viele Horumersieler verweilten an diesem Abend länger darauf, beizeiten das Licht der Marine-Signalstation Schillig in Sicht zu bekommen. Im Notfall hätte er von hier aus die Unterstützung eines Schleppers anfordern können.

Am nächsten Morgen, dem 3. Dezember 1909, ist Fritz Tiarks, der Inhaber des „Strandhotels“, schon früh auf den Beinen. Die Gaststube muss aufgeklart, vor allem aber Sturmschäden beseitigt werden. Eine Scheibe im Windfang ist zerstört, auf dem Dach mehrere Ziegel heruntergerissen. Als Fritz Tiarks aus einem seiner Gästezimmer im zweiten Stock des Gebäudes schaut, schweift sein Blick über die tobende See der Jade.

Der Wind treibt tief hängende Sturmwolken vor sich her. Eine haushohe Brandung steht vor der Insel Mellum. Mehrere Schiffe kann er im Fahrwasser entdecken, die offenbar Schutz vor dem Sturm suchen. Nahe der Küste querab von Schillig ankert eine Tjalk mit gefiertem Großbaum und gerefften Segeln. Sie wiegt sich gemächlich und regelmäßig im rauen Seegang. Ein Zeichen dafür, dass sie nicht auf Grund gelaufen ist. „Bewahre Gott, dass die Ankerketten den gewaltigen Belastungen standhalten“, spricht der Gastwirt allein vor sich hin. „Wenn diese brechen, treibt der Segler binnen kürzester Zeit auf die Sande und wird von der Brandung zerschlagen. So schnell kann unser Ruderrettungsboot, die VEGESACK, gar nicht an der Unfallstelle sein.“ Doch keines der Schiffe hat eine Notflagge gesetzt, keines verschießt eine Notrakete oder brennt eine Signalfackel ab…..

Die Reihe der Bücher von Ulf Kaack zur Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger:
- Band 0: HERMANN MARWEDE – Der größte Seenotkreuzer der DGzRS
- Band 1: Die Seenotkreuzer der DGzRS – Typenkunde I (vergriffen)
- Band 2: Die Seenotkreuzer der DGzRS – Typenkunde II
- Band 3: Die Seenotkreuzer der DGzRS – Typenkunde III
- Band 4: Die Seenotkreuzer-Klasse EISWETTE
- Band 5: Seenotkreuzer BERNHARD GRUBEN
- Band 6: Seenotkreuzer ohne Hansekreuz (erscheint voraussichtlich im Herbst 2010)
- Band 7: Tödlicher Sturm: Die Rettungsfahrt der VEGESACK

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