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Einstieg in die Bootswelt: Kapitän auf Zeit

6.05.2010 | Allgemein

Der Charterschein hat der Branche kräftige Zuwächse beschert.

Von Klaus Bartels. Über 75.000 Bundesbürger legen im Jahr die Prüfung für den vorgeschriebenen Sportbootführerschein ab. Mit einem großen Motorboot zu fahren, ist jedoch auch ohne Führerschein möglich – mit der Charterbescheinigung.

„Hebel nach vorn ist vorwärts, Hebel nach hinten rückwärts“, sagt Einweiser Konrad Apel vom Vercharterer Kuhnle-Tours und wirft die Leinen des 11,40 Meter langen und 3,90 Meter breiten Hausbootes in der engen Marina Claassee an der Müritz los. Jürgen Beier, Medienfachmann aus Hamburg, kurbelt als Charterbescheinigungs-Aspirant zum ersten Mal am Ruder eines Motorbootes und lernt schnell den Unterschied zwischen Theorie und Praxis eines Hausboottörns kennen. Als das Boot
trotz kräftigen Lenkens nur zögerlich den Kurs ändert und weiter auf die gegenüberliegende Brücke zuhält, sucht er eine Bremse.

So etwas gibt es allerdings nicht in einem Boot und damit kann Beier einen der großen Unterschiede zwischen Auto und Motorboot schon gleich nach dem Ablegen in Erfahrung bringen. „Einfach nur den Hebel nach hinten stellen und damit den Rückwärtsgang einlegen“, das ist hier unsere Bremse“, vermerkt Konrad Apel trocken, als er sieht wie sein Schüler anfängt, hektisch zu werden. Dann zeigt der Charterschein-Lehrer seinem Kunden noch schnell die Wirkungsweise der beiden Knöpfe vor dem Ruderrad, mit dem das Bugstrahlruder bedient wird. Das sorgt dafür, dass mit dem große Hausboot auch enge Kurven gefahren werden können.

Über zwei Stunden lang hatte Apel, der schon hunderte von Autofahrern zu Kapitänen auf Zeit gemacht hat, Beier vor der Praxis theoretisch in die Kunst des Hausbootfahrens eingewiesen. Es war ein Schnelldurchlauf, der sich von der Verantwortlichkeit eines Bootsführers über die allgemeinen Verkehrsregeln auf dem Wasser und der Navigation auf Binnenwasserstraßen bis hin zum Umweltschutz und der Bootstechnik erstreckt. Der zukünftige Kapitän auf Zeit machte sich Notizen und fragte nach, denn für einen Laien ist es ein geballter Lehrstoff, den es zu verarbeiten gilt. Jürgen Beier war froh darüber, dass er sich vor der Einweisung mit der Lektüre des Buches „Charterfibel, Hausbootwissen für Einsteiger“ (Quick Maritim Medien) vorbereitet hatte. „Ansonsten wären wohl viele Dinge böhmische Wälder geblieben“, meint er.

Zwischen den Stegen des Hafens kurbelt er weiter am Ruder und übt mit dem Mann von Kuhnle-Tours Ab- und Anlegen. Die Fortschritte, die er dabei mit der Handhabung des großen Bootes macht, sind erkennbar, so dass Konrad Apel ihn sogar in die Geheimnisse des Eindampfens in eine Spring einführt. Das ist ein Ablegemanöver, bei dem sich mit Hilfe eines Festmachers und des Schraubeneffekts auch bei Seitenwind das Heck des Bootes vom Anleger entfernt. So muss sich kein Mitfahrer beim Versuch, das tonnenschwere Boot von der Kaimauer weg zuschieben, gefährden. „Niemals Füße oder Hände zwischen Boot und Steg“, warnt der Fachmann. – Und das Stahlboot wird von Beulen verschont.

Nach einer Stunde üben, steuert der frisch gebackene Kapitän auf Zeit die Kormoran 1140 eigenverantwortlich auf die Müritz. Höchstgeschwindigkeit des gedrosselten Bootes: 12 km/h. Rote Rettungswesten, die er und seine Crew angelegt haben, zeigen, dass die Schiffsführung nicht den eigentlich in Deutschland für Boote dieser Art vorgeschriebenen amtlichen Sportbootführerschein haben. Obwohl der 117 Quadratkilometer große See von Charterschein-Skippern nur an seinen Ufern entlang befahren werden darf, gehören die Westen zur Pflichtausrüstung. Darüber hinaus muss die Crew sich telefonisch melden, wenn sie ihren angekündigten Zielhafen erreicht hat. Bei Fluss- und Kanalfahrten, die vom Heimathafen Claasee bis nach Berlin oder zum Schweriner See möglich sind, gelten, diese „verschärften“ Vorsichtsmaßnahmen übrigens nicht.

Allerdings zielt die gesamte Einweisung für die Charterbescheinigung auf ein besonders vorsichtiges Verhalten hin. Und das zeigt Folgen. Schon seit die Bescheinigung vom Jahr 2000 an als Modellversuch lief und dann während der vergangenen Saison in einem erweiterten Gebiet gesetzlich verankert wurde, hat es nur wenig Unfälle gegeben. Und auch eine unsachgemäße Behandlung der robusten Charterboote hält sich in engen Grenzen. „Bei uns mieteten im vergangenen Jahr 800 Charterschein-Crews Boote und nur 15 verursachten Schäden, vorbei dazu auch verloren gegangenen Fender gehören“, sagt Eva Mühleck von Kuhnle-Tours.

Dafür hat der Charterschein der Branche kräftige Zuwächse beschert. Jürgen Tracht, Geschäftsführer der Branchenvereinigung Bundesverband Wassersportwirtschaft spricht von 30 Prozent mehr Charterverträgen (www.mediamaritim.de/blog/charter/wassersport-hausbooturlaube-sind-im-trend/#more-6774). Mittlerweile bieten zehn Firmen in Deutschland die Möglichkeit an, ohne Sportbootführerschein zu Hausboottörns zu starten. Ab und zu erleben die Vercharterer allerdings , dass ein frisch gebackene Skipper auf Zeit schon nach ein paar Stunden wieder im Heimathafen festmacht. „Es sind nur wenige, aber für die ist sogar Hausboot fahren zu stressig,“ so Konrad Apel.

Charterscheinbedingungen:
Maximallänge des Bootes: 15 Meter
Höchstgeschwindigkeit: zwölf km/h
Es dürfen nicht mehr als 12 Personen an Bord sein.

Informationen und Anbieter von führerscheinfreien Charterbooten finden Sie in den einschlägigen Fachzeitschriften oder beim
VDC e. V.
Vereinigung Deutscher
Yacht-Charterunternehmen e. V.
Tel.: 040 374 213 32
www.vdc.de

Als Einstimmung auf einen Charterurlaub empfiehlt sich die Lektüre des Erfahrungsschatzes einer Charter-Profiseglerin: „Wasser im Schiff“ und andere Segelgeschichten.  Die Autorin Silke Eggers, eine erfahrene Charterskipperin, die zehntausende Meilen abgesegelt und dabei auch bisher viermal den Atlantik überquert hat, hat ihr Wissen zusammengetragen und ein Lese(lehr)buch  geschrieben. Hier können nicht nur angehende Charterskipper erfahren, wie man richtig mit einer Yacht umgeht, auch Yachteigner finden eine  gleichermaßen unterhaltsame wie auch lehrreiche Lektüre. Es bringt Spaß, die „Segelabenteuer“ von Silke Eggert zu lesen. Durch kurz gefasste Resümees am Ende jedes Kapitels kann der Leser schnell feststellen, was die Autorin in ihren authentischen Geschichten falsch oder richtig gemacht hat.120 Seiten, ISBN 3-934919-04-9, EUR 13,20 oder bei www.mediamaritim.de/shop (Bücher)

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3 Kommentare

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[...] von Sportbooten, der sogenannte Charterbootverkehr, ist auch auf deutschen Wasserstraßen möglich (www.mediamaritim.de/blog/ausbildung/einstieg-in-die-bootswelt-kapitan-auf-zeit/#more-6890). Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat entsprechend geeignete [...]

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[...] sieht auch die Wasserschutzpolizei die Charterscheinregelung als Bereicherung für den Tourismus (www.mediamaritim.de/blog/ausbildung/einstieg-in-die-bootswelt-kapitan-auf-zeit/#more-6890). Laut Hartmut Richter, Kriminalhauptkommissar bei der Wasserschutzpolizeidirektion [...]

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[...] Freizeitkapitäne werden in einem verpflichtenden dreistündigen Kurs unter anderem in die Handhabung des Bootes, Sicherheitsregularien und Rettungsmittel sowie in das Verhalten beim Schleusen eingeführt. Nicht zuletzt aufgrund der fundierten Einweisung sowie der begrenzten Geschwindigkeit sieht auch die Wasserschutzpolizei die Charterscheinregelung als Bereicherung für den Tourismus. http://www.mediamaritim.de/blog/ausbildung/einstieg-in-die-bootswelt-kapitan-auf-zeit/#more-6890 [...]


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