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Bootsbau: Manche Träume brauchen länger

9.03.2010 | Allgemein

Sie hätten mit ihrem Segel-Katamaran jetzt schon auf dem Atlantik sein sollen.

Der Traum vom Aussteigen, vom Leben auf einer Segelyacht, dem Reisen zu Orten wie auf Postkarten. Tausende träumen ihn. Unter ihnen waren auch Petra Wolfinger und Rupert Kellner. Doch inzwischen leben sie diesen Traum. Der Plan für eine Weltumseglung ist bei Kellner schon früh gereift. Der Bayer aus Rosenheim, Jahrgang 1954, begann als 14-Jähriger auf dem Simssee zu segeln, interessierte sich bald für ferne Länder und reiste mit 20 Jahren erstmals nach Südostasien. Den Wunsch, Bootsbauer zu werden, hatte seine Familie ihm da schon ausgeredet. Also absolvierte Kellner eine betriebswirtschaft liche Ausbildung, gründete Anfang der 1980er Jahre ein Naturkostfachgeschäft und baute schließlich ein EDV-Unternehmen auf. Seinen Traum verlor er dabei nie aus den Augen. „Die Idee, mit dem eigenen Schiff die Welt zu erkunden, blieb immer im Hinterkopf. Ich wartete nur auf die richtigen Rahmenbedingungen“, sagt Kellner, als er nun auf seinem Schiff in der Sonne liegt.

Wer eigenhändig Deutschlands größten Segel-Katamaran baut, um auf eine weltumspannende Tour gegen die Klima-Katastrophe zu gehen, der braucht viel Zeit. Es ist ein Tausendsassa von einem Segelboot, was da Anfang des Jahrtausends in Eigenarbeit in den Hallen eines stillgelegten Pforzheimer Betonwerks seinen Anfang genommen hat. Als Segelboot mit zwei Rümpfen, also als Katamaran, der größte seiner Art, soweit es Deutschland angeht.

„Uns jedenfalls ist kein größerer bekannt“, sagt Rupert Kellner, der die „Largyalo“ zusammen mit seiner Frau Pia Wolfinger und mit Helfern gebaut hat. Mit der „Largyalo“ wollen Kellner und Wolfinger um die Welt segeln. Allerdings nicht einfach nur so. Dafür hätte es ein anderes, ein kleineres, ein billigeres Boot als die 20 Meter lange „Largyalo“ auch getan: In der steckt Material im Einkaufswert von 300.000 Euro, Baukosten, Mieten für Werkzeuge, Maschinen, Hallen und Transporte für weitere 300.000 Euro – und 30.000 Arbeitsstunden. In sieben statt wie zunächst geplant drei Jahren, in denen Kellner und Wolfinger ja auch von etwas leben mussten. Er, der 55-jährige EDV-Berater, und die 47-Jährige, die noch als Flugbegleiterin arbeitet.

Sie haben auf ihren Traum hingearbeitet, hingespart, sich vorbereitet. Andere bauen sich auf die Art ein Haus, „wir haben eben ein Schiff gebaut“, sagt Pia Wolfinger. Und eine Aufgabe geschaffen, ein Unternehmen. „Jedes Unternehmen ist ein Risiko“, sagt Rupert Kellner. Ihres heißt: Sie wollen zur Rettung der Welt vor der Klimakatastrophe beitragen. Mit einem Energiekonzept, das auf möglichst wenig Verbrauch und möglichst viel Unabhängigkeit setzt. Wind und Sonne sorgen über Segel, Solarkollektoren und Turbinen für die Fortbewegung und die Deckung des Energiebedarfs an Bord. Vor allem aber ist es die Reise selbst, mit der Ideen und Wissen gesammelt und um die Welt transportiert werden sollen. Wo immer sich ein bedeutsamer Ort in Sachen Klimawandel findet, Kellner und Wolfinger wollen ihn ansteuern.

Das Wissen über das Gute sammeln, beispielsweise ein völlig auf erneuerbare Energien setzendes Stromnetz auf der Kanareninsel El Hierro, und es weitertragen an Orte, wo es dringend benötigt wird. „Ark of ideas“, Arche der Ideen, heißt das Konzept. Von Westafrika nach Amerika, durch die Südsee nach Australien, nach Asien und um Afrika und dann die südamerikanische Küste entlang nach Norden führt die auf drei bis fünf Jahre angelegte Reise.

Die „Largyalo“ ist mit 70 Quadratmetern Wohnfläche und rund 150 Quadratmetern Aufenthaltsfläche auf Deck groß genug auch für die Arbeit von Forscher-Teams. Noch fehlen einige Sponsoren. Deshalb konnte die Atlantik-Überquerung nicht wie geplant im Januar 2010 stattfinden Die Wirtschaftskrise hat Kellner und Wolfinger einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Da war nur noch von Krise die Rede“, sagt Kellner, „seit Kopenhagen ist auch Klima wieder ein Thema.“ Wenn alles läuft, wie sie es sich vorstellen, geht es um den nächsten Jahreswechsel los mit der großen Reise. Bis dahin liegt das Boot in Barcelona vor Anker, verdient noch Geld mit Charter-Touren.

Dass sie nicht endlos Zeit haben mit ihrer Reise zu den vom Klimawandel am meisten betroffenen Punkten der Welt, ist Kellner und seiner Frau klar. Vor allem in der Südsee. „Da gibt es Inseln“, sagt Pia Wolfinger, „die gibt es in 20 Jahren gar nicht mehr“.

Aktuell von der „Largyalo“ am Montag, 8. März 2010:

Weißes kaltes Zeug auch hier!!! Heute morgen mußten wir am GPS überprüfen, ob wir uns auch wirklich noch auf Höhe des Breitengrades 41° befinden, oder über Nacht auf den 79° oder höher „gebeamt“ wurden: Vielleicht sind die Hügel, die sich im Dunst durch das Schneegestöber abzeichnen nicht mehr der katalanische Naturpark Garraf, sondern Spitzbergen??

Und sind es nun nicht mehr Wandalen, sondern Eisbären, die an den Festmachern zerren, und im jaulenden Polarsturm übers Deck galoppieren? Heute nacht sind – draußen vor der Küste – Sturmstärke acht angesagt und Wellen mit bis zu acht Metern Höhe!

Hier im Hafen wird es zwar beeindruckend, aber nicht gefährlich werden. Außerdem sind wir ja nun zu zweit, und Berti freut sich schon, endlich auch einmal beim Wandalenangriff im Hafen dabeisein zu können.

www.largyalo.de
www.thearkofideas.org

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