mediamaritim internationalNeues aus der Welt des WassersportsJobbörseVideosBücherMaritimes Antiquariat
Mediamaritim international
Emo

Jessica Watson: Traum zu schnell vorbei

29.01.2010 | Allgemein

Nach knapp über 100 Tagen auf See ist die Hälfte der Weltumsegelung geschafft.

Nach einem fast unbeschadet überstandenen Sturmtief sogt sich der 16-jährige Teenager weniger um die Schäden an Bord und die blauen Flecken am Körper als darum, dass der hier auf der hohen See ausgelebte Traum viel zu schnell vorbei sein könnte.

Bei Orkanböen und teils sechs Meter hohen Wellen hatte Jessica Watson am 88. Tag ihres Segeltörns Kap Hoorn in Südamerika umschifft und war damit vom Pazifischen in den Atlantischen Ozean gewechselt. Dann kam ein großes Sturmtief, das ihr ein wahres Horror-Erlebnis bescherte: Vier Mal gekentert, bis zu zehn Meter hohe Wellen, etliche Materialschäden und eine Kenterung, die sogar ein Notsignal auslöste Jesses Eltern in Panik versetzte.

Jessica berichtet von Bord ihrer nur 34 Fuß kleinen Sparkman & Stephens Segelyacht “So erlebte ich den Orkan”:

Meine sonnigen Segelbedingungen endeten mit einem Paukenschlag. PINK LADY und ich hatten hier draußen eine ziemlich spannende Zeit: Ich habe 65 Knoten aufgezeichnet, bevor es den Windmesser weggerissen hat.

So viel Wind bedeutet ein paar ziemlich große und ziemlich bösartige Wellen. Es hat uns insgesamt vier Mal umgeworfen, die zweite Kenterung war am ärgsten, als es den Mast um ganze 180 Grad in das Wasser drückte. ‚Drücken‘ ist nicht ganz der richtige Begriff. Es hat viel mehr PINK LADY hochgehoben, eine Riesenwelle hinunter geschleudert und dann mit unbeschreiblicher Gewalt unter einem Berg von brechendem Wasser komplett auf den Kopf gestellt.

Ich hatte PINK LADY gut auf den Sturm vorbereitet. Alles war niedergebunden und die Bedingungen waren viel zu gefährlich, um an Deck zu sein. Es gab nichts, was ich da draußen hätte tun können. Nur unter der winzigen Sturmfock funktionierte der große elektrische Autopilot perfekt und hielt uns auf Vorwindkurs, unterstützt nur durch meine aufmunternden Zurufe. Es waren dann nur die gewaltigen, steilen Wellen, die uns ungünstig von der Seite erwischten und zum Kentern brachten.

Der solide, gut 2,5 Zentimeter dicke Stahlrahmen, auf dem die Solarpaneele befestigt sind, ist stark verbogen, was eine ziemlich gute Vorstellung von der Kraft der Wellen verschafft.

Unter Deck ging es auch ziemlich toll zu: Während ich krampfhaft versuchte, mich irgendwie festzuhalten, flog alles Mögliche kreuz und quer durch die Kabine. PINK LADY beklagte sich lautstark über das, was ihr da angetan wurde. Es war manchmal schon schwierig für mich, meine positive und rationale Einstellung zu bewahren, aber insgesamt kann ich sagen, dass der Skipper genauso gut durchgehalten hat wie PINK LADY. Zweifellos waren da Momente, in denen ich mich gefragt habe, warum ich das alles überhaupt mache. Aber in keinem einzigen Moment habe ich diese Frage nicht mit einer ganz langen Reihe von Begründungen beantwortet, warum die harten Zeiten wie diese es nicht zu 100 Prozent wert sind.

Mitten drin in diesem Drama erhielt meine Mom zuhause einen Anruf vom Australischen Rescue Center, dass eines meiner EPIRBs ausgelöst wurde. Eine der Kenterungen hatte das automatische EPIRB unter dem Targabügel aktiviert, ohne dass ich das mitbekam. Zum Glück rief ich ein paar Minuten später zufällig zuhause an und konnte alles aufklären. Ich habe mich ziemlich über das blöde Gerät geärgert, das alle zuhause in Panik versetzt hat.

Wir sind natürlich nicht ganz ohne Schrammen davongekommen. Es gibt genug kleinere Schäden, aber zum Glück nichts, das unsere Reise stoppen könnte. Das Rigg steht und der Mast scheint normal zu funktionieren. Der Targabügel ist ziemlich verbogen und die Windfahnensteuerung sitzt in einem merkwürdigen Winkel, aber erstaunlicher- und glücklicherweise funktioniert sie immer noch tadellos. Das Großsegel hat ein paar kleinere Risse und eine Saling ist verbogen.

Unter Deck war allerdings eine ziemliche Katastrophenzone. Alles ist nass oder zumindest feucht. Die Toilette hat es in tausend Teile zerlegt und im ganzen Schiff verteilt. Der Petroleumofen lässt sich nicht mehr anzünden, aber vermutlich muss er nur noch etwas trocknen.

Inzwischen habe ich alles aufgeklart und gut geschlafen. Jetzt fühle ich mich wie ein gigantischer Marshmallow. Körperlich fühlen sich Arme und Beine schwer und erbärmlich an und ich habe eine wunderbare Sammlung blauer Flecken am ganzen Körper. Mental fühle ich mich um gute zehn Jahre gealtert, aber ich bin wieder zurück in der normalen Welt und freue mich jetzt auf das Gipfelfest, das bevorstehende Erreichen der Halbzeitmarke meiner Reise.

Ihre zahlreichen blauen Flecken von den vier Kenterungen im Orkan mit zehn Meter hohen Wellen schillern in bunten Farben auf ihrem gesamten Körper. Die Schäden an ihrer 34 Fuß kleinen Sparkman & Stephens hingegen konnte sie größtenteils beheben. Jessica meldet von Bord: “Der Petroleumofen funktioniert wieder, ich kann mir wieder warmes Essen und Tee zubereiten. Auch die in alle Teile zertrümmerte Bordtoilette habe ich wieder hinbekommen. Derzeit hat es noch 40 Knoten Wind, aber wenn der nachlässt, werde ich die Risse im Großsegel nähen und es sofort setzen. Meine PINK LADY sieht mit ihren Kampfwunden zwar etwas mitgenommen aus, aber alles funktioniert gut und sie ist so stark wie zuvor. Das wundert mich überhaupt nicht, denn wir haben uns nicht nur sehr sorgfältig gerade für diese S&S34 entschieden, sondern sie auch noch gewissenhaft für die Anforderungen dieser Reise adaptiert”.

“In den letzten Tagen und Wochen haben wir ganz ordentlich Meilen gemacht und wir sind gut 1.500 Seemeilen unserem Plan voraus. Derzeit fliege ich in den Stürmen nur so über den Atlantik. Langsam mache ich mir schon Gedanken, dass dieser Traum zu schnell vorbei sein wird und ich früher zuhause ankomme, als ich es eigentlich will”.

Watson will als jüngste Weltumseglerin in die Rekordbücher eingehen. Sie war im Oktober in Sydney gestartet und wollte dort ursprünglich im Juni erstmals wieder an Land gehen. Jedoch ist sie ihrem Zeitplan voraus, so dass sie ihre 23.000 Seemeilen lange Reise bereits im Mai beenden könnte.

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Ein Kommentar

1

Jessi und Ihr Boot haben bisher alles wunderbar geschafft. Hoffentlich kommt ihr nichts Unvorhersehbares über den Weg. Sie muß vermutlich das Cap d.G.Hoffnung relativ uferknapp passieren, hoffentlich hat sie dabei keinen auflandigen Wind.
Es herrscht dort viel Verkehr von Riesentankern, die für den Suezkanal zu breit sind. Beim Cap treffen sich zwei Strömungen aus Atlantik und Indischem Ozean.Das Gebiet von Africas Ostküste-Indischer Ozean ist bekannt für das plötzliche Auftreten von Riesenwellen, allerdings besteht ein gutes Warnnetz, aber wohin kann sie denn ausweichen ? Wie leicht kann ein Riesentanker das kleine Segelboot übersehen, und Jessi kann nicht immer hellwach bleiben ! Ich glaube sie ist jetzt
in einem recht gefährlichem Gewässer unterwegs.
Ich wünsche Ihr alles Glück der Welt auf dieser schwierigen Route.
Happy sailing Jessi, Segelopa !


Kommentar abgeben