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Fliegende Mülltonnen

2.01.2010 | Allgemein

Tausende Tonnen Plastik in den Ozeanen, die Seevögeln den Tod bringen.

Die Spuren im Bauch des Eissturmvogels liest Jan van Franeker wie ein Gerichtsmediziner. Mit dem Skalpell hat der Biologe den Magen von Fulmarus glacialis geöffnet. Neben halbverdauter Nahrung quellen ihm zerfetzte Plastik-Fragmente entgegen, die er wäscht, wiegt und unter dem Mikroskop betrachtet. Sie entpuppen sich als Reste von Feuerzeugen, Zahnbürsten, Dosen, Flaschen, Tüten und Folien, die achtlos ins Meer geworfen wurden.

„Den traurigen Rekord hält ein Vogel aus Belgien mit 1.600 Plastikstücken im Bauch“, bilanziert van Franeker. Viele Tiere schlucken den Kunststoff, weil sie ihn mit Fischabfällen verwechseln, die im Kielwasser von Trawlern treiben. So werden sie zu „fliegenden Mülltonnen“, sagt der Forscher, der seit Jahren die Invasion von Plastikmüll in den Meeren verfolgt.

600 angeschwemmte Eissturmvögel aus acht Nordsee-Anrainerstaaten hat van Franekers Team vom Forschungsinstitut ALTERRA zwischen 2002 und 2004 auf der holländischen Insel Texel obduziert. 95 Prozent der Vögel hatten Plastik im Bauch, durchschnittlich 0,33 Gramm. Ein dänischer Vogel hatte gar 20 Gramm geschluckt, was im menschlichen Magen einem Gewicht von rund zwei Kilogramm gleich käme. Zwar lässt sich schwer beweisen, dass der Müll den Tod der Tiere verursacht hat, wenn sie nicht direkt daran ersticken oder ihre Speiseröhre blockiert ist. Sicher erschweren die Plastikteile aber die Verdauung und geben Giftstoffe an den Körper ab.

Besonders viel Müll schlucken Eissturmvögel an der französischen und deutschen Küste: An viel befahrenen Nordsee-Routen sind die Tiere viermal stärker betroffen als Artgenossen von den abgelegenen Faröer-Inseln. Der Unrat stamme wahrscheinlich von Fischfangflotten und Frachtschiffen, folgert van Franeker. Er fordert deshalb, dass es leichter und billiger werden müsse, Müll in den Häfen loszuwerden.

Nicht nur die Nordsee wird als Deponie missbraucht. Die internationale Meeresschutzorganisation „Oceana“ mit Sitz in Madrid schätzt, dass weltweit jede Stunde rund 675.000 Kilogramm Müll ins Meer geworfen werden, zur Hälfte Plastik. Das Treibgut töte jährlich mehr als eine Million Seevögel und 100.000 Meeressäuger sowie Schildkröten. Durch die Müllschwemme breite sich etwa im Nordpazifik zwischen Kalifornien und Hawaii ein fast geschlossener, drei Millionen Tonnen schwerer Plastikteppich von der Größe Mitteleuropas aus.

Zwar bricht Plastik über die Zeit in mikroskopisch kleine Teilchen auf, aber selbst diese stiften Unheil, wie der Brite Richard Thompson von der Universität Plymouth nachwies. Offenbar reichern sich auf der Oberfläche giftige Schadstoffe an, die dann – weil Kunststoffe extrem langlebig sind – Jahrhunderte oder gar Jahrtausende in den Ozeanen verbleiben. „Wir werden das Zeug nicht mehr los“, sagt Thompson pessimistisch, „man kann die Ozeane schließlich nicht filtern.“

Für Küstenbewohner und Touristen rings um den Globus sichtbar ist der Zivilisationsmüll vor allem, wenn Strömungen ihn an Land spülen. Der brasilianische Fotograf Fabiano Barretto dokumentiert seit Jahren den angeschwemmten Müll an den Stränden von Bahia und Umgebung. Inzwischen gründete er die Organisation „Global Garbage“, die sich durch Aufklärung von Politikern, Behörden und vor allem von Schiffsbesatzungen für ein Ende der rücksichtslosen Entsorgung zur See einsetzt (www.globalgarbage.org).

Zudem startet er immer wieder Sammelaktionen. 2004 fanden die „Herren des Strandes“, wie die Sammler sich nennen, mehr als 4.000 Verpackungen aus 75 Ländern. Vor allem so genannte „Lightsticks“, leuchtende Plastikröhrchen, die bei der Langleinenfischerei auf Hoher See eingesetzt werden, bereiten ihnen Sorgen. Denn die Flüssigkeit in den Röhren ist giftig, und manche Kinder reiben sich aus Spaß damit ein, damit ihre Haut glänzt. „Das Meer ist keine Müllhalde“, sagt der Fotograf und Aktivist Barretto. Und deshalb bringt er den Müll regelmäßig zu den Botschaften und Konsulaten der Länder, aus denen er stammt.

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