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Germania VI: Segeln mit Tradition

8.12.2009 | Allgemein

Vor fast 50 Jahren wurde die erste ganz geschweißte Aluminium-Yacht der Welt in Auftrag gegeben.

Bereits 1908 beginnt die Geschichte der Germania-Yachten mit der Germania I, einer luxuriös eingerichteten Schoneryacht, die an ihren über 40 Meter hohen Masten mehrere tausend Quadratmeter Segel führt. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach lässt sie nach Entwürfen von Max Oertz auf der Krupp eigenen Germania-Werft in Kiel bauen. Mit der 1934 fertig gestellten Germania II beginnt eine streng sportliche Ära. Und die Zusammenarbeit mit Abeking & Rasmussen in Lemwerder.

Mit der 1936 auf Kiel gelegten Germania III gewinnt Skipper Hans Howaldt im selben Jahr olympisches Bronze. Mit an Bord: Gustav Krupps Sohn Alfried. Kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges wird die Germania IV fertig gestellt. Hochsee-Segeln war erst ab 1955 wieder möglich: Mit der Germania V erringt Alfried Krupp beim Bermuda- und Transatlantikrennen von 1960 die Pope Christie Trophy und den Sonderpreis First Foreign Yacht to Finish.

1962, also vor 47 Jahren, wird schließlich die Germania VI in Auftrag gegeben. 1963 wird sie nach Plänen von Sparkman & Stevens bei A & R gebaut. Das als Mannschaftsschiff für weltweite Fahrt konzipierte 43 Bruttoregistertonnen-Schiff gilt als die erste ganz geschweißte Aluminiumyacht der Welt, ein Wagnis zu Beginn der siebziger Jahre. Doch der Erfolg brachte der renommierten Werft schließlich weltweite Anerkennung. Im Baunummern-Buch von A & findet sich unter der Baunummer 5895 der Eintrag: 16 KR Kielyacht, Germania VI, Besitzer Krupp von Bohlen und Hallbach, Essen.

In “Germania – Die Yachten des Hauses Krupp” von Alexander Rost und Svante Domizlaff wird das Übergabeprotokoll der Yacht zwischen Werft und Eigner gezeigt. Es wurde am 15. Juli 1963 in Höhe Roter Sand Leuchtturm auf der Außenweser unterzeichnet. “Es wurden keine wesentlichen Beanstandungen festgestellt”, heißt es darin.

Die Germania VI war als Regattayacht in ihrer Konzeption bewusst auf ein weltweites Fahrtgebiet ausgelegt. Mehrfach nahm sie an den Regatten von Newport (Rhode Island) zu den Bermudas sowie an der Regatta von Buenos Aires nach Rio de Janeiro teil. Zweimal startete sie in Transatlantikregatten.

Nach dem Tod von Alfried Krupp im Jahr 1967 war Zukunft der Yacht zunächst ungewiss. Der Sohn und Erbe Arndt von Bohlen und Halbach wollte Germania VI zunächst verkaufen, da er eine eigene 34-Meter-Motoryacht Antinous besaß. Der Generalbevollmächtigte Krupps und Testamentsvollstrecker Berthold Beitz konnte jedoch den Verkauf verhindern, da er sicher nicht im Sinne des Erblassers gewesen sei. Man einigte sich auf eine kostendeckende Charterlösung mit Übernahme des bisherigen Bootsmannes Fiete Mahde, die aber wegen der hohen Unterhaltskosten der Yacht fehlschlug. Im Jahr 1971 übernahm daher die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gemäß einer Übereinkunft zwischen Arndt von Bohlen und Halbach, und dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz die Yacht Germania VI für einen symbolischen jährlichen Charterbetrag von 2.000 DM. Die laufenden Unterhaltskosten wurden auch von der Krupp-Stiftung getragen. Im Jahr 1979 erwarb die Krupp-Stiftung die Yacht zum symbolischen Kaufpreis von 1 DM. Die Germania VI fährt heute als Ausbildungsschiff vorwiegend in der Nord- und Ostsee. Liegehäfen sind Kiel (vor dem Kieler Yacht-Club (KYC)) und im Winter im Sportboothafen Travemünde (Böbs-Werft)

Stiftungszweck: Jungen Seglern soll Gelegenheit zur Ausbildung im Hochsee- und Regattasegeln gegeben werden. Jährlich 200 Amateursegler nutzen seitdem die Möglichkeit, sich auf der Germania VI Seebeine wachsen zu lassen. Voraussetzung: Sportbootführerschein Binnen. Die An- und Abfahrt zum Liegeplatz muss jeder Segler selbst organisieren, dazu kommt eine Pauschale von zurzeit 10 Euro pro Tag. Den Rest übernimmt die Stiftung.

Bis zu 15.000 Seemeilen werden so mit wechselnden Crews jedes Jahr zurückgelegt. Die Germania VI sei “ein Schiff, das nicht Ehrgeiz befriedigt, sondern Charakter schult und dem Segelsport auf See kundigen Nachwuchs sichert”, so Bevollmächtigter Berthold Beitz im Buch “Abeking und Rasmussen” von Svante Domizlaff.

Die Germania VI zeigt aber auch als Botschafterin des deutschen Sports (Bertold Beitz war deutsches IOC-Mitglied) an den Olympischen Segelwettbewerben 1972 in Kiel, 1976 vor der Ostküste der USA, 1980 in Tallinn/Reval und 1992 vor Barcelona Flagge.

Während eines Orkans in der Nacht vom 27. auf den 28. August 1989 wurde die Yacht an ihrem Liegeplatz in Kiel so stark beschädigt, dass sie praktisch zum wirtschaftlichen Totalverlust wurde. Bertold Beitz entschied, dass die Germania VI erhalten bleiben solle. Die sehr umfangreiche Reparatur bei der Böbs-Werft in Travemünde, bei der die gesamte Inneneinrichtung entfernt werden musste, kam einem Neubau gleich. Pünktlich zur Kieler Woche im Juni 1990 wurde die Yacht wieder segelklar. Im Juni 2003 nach einer Einsatzzeit von 40 Jahren hat die Germania VI laut Logbuch eine Strecke von 219.378 Seemeilen auf eigenem Kiel zurückgelegt, das entspricht der Entfernung von der Erde bis zum Mond.

Informationen zur Germania VI bei Dr. Wolfgang Paul. Der Hamburger Rechtsanwalt führt die Mitsegler-Kartei des Schiffes und nimmt Bewerbungen junger Segler entgegen. Vorkenntnisse sind ausdrücklich erwünscht. Das Buch “Germania – Die Yachten des Hauses Krupp” von Alexander Rost und Svante Domizlaff (Delius Klasing, Bielefeld) widmet der letzten Yacht Alfried Krupps ein eigenes Kapitel.

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