Inselhopping in Dalmatien
2.09.2009 | AllgemeinLange Schläge oder kurze Törns.
Kroatien eignet sich dank seiner zahlreichen Inseln besonders gut für Inselhopping. Wer einmal an der dalmatinischen Küste unterwegs war, gerät leicht ins Schwärmen. Glasklares Wasser, meist eine frische Brise, kleine, alte Hafenstädte. Eine karge, dennoch nicht minder faszinierende Landschaft.
Wer einmal an der dalmatinischen Küste unterwegs war, gerät leicht ins Schwärmen. Glasklares Wasser, meist eine frische Brise, kleine, alte Hafenstädte. Eine karge, dennoch nicht minder faszinierende Landschaft.
„Am letzten Schöpfungstag wollte Gott sein Werk krönen, und so schuf er aus Tränen, Sternen und Atem die Kornaten“, schrieb George Bernard Shaw. Die Kornaten sind eine kroatische Inselgruppe und nur einer der Punkte auf der Blaue Reise Route in Kroatien. Von Hrvatska, wie Kroatien in der Landessprache heißt, war nicht nur der irische Schriftsteller begeistert, allgemein gilt das südosteuropäische Land als eines der schönsten Urlaubsziele Europas.
Über 1.200 Eilande laden zum Inselhopping ein. Lange Schläge oder kurze Törns. Jeder hat es selbst in der Hand, welche Etmale erreicht werden sollen. Oder doch lieber ein Badetag vor Anker in einer stillen Bucht? Mediterrane Küche allenthalben (wenn auch, aus nicht immer nachvollziehbaren Gründen, Fisch nicht preiswert ist). Verständlich, dass manch ein Segler dieses Revier karibischen Gefilden vorzieht. Hvar wurde jüngst sogar zu einer der zehn schönsten Inseln der Welt gekürt, neben Anguilla, Bali, Bora Bora, Capri, Kauai, Mykonos, Ponza, Upolu und Sansibar. Das ist – zumindest – ein guter Marketing-Trick. Und könnte sogar stimmen. Die Rede ist von Süd-Dalmatien, so heißt der untere Zipfel Kroatiens mit seinen Inseln mitten im Adriatischen Meer.
Der Ruf Kroatiens hat allerdings in den letzten Jahren unter Seglern einen schalen Beigeschmack erhalten. Immer wieder wurden – und werden – die Preise in den Marinas erhöht. Ein Ende ist (noch) nicht in Sicht. Da macht auch die staatliche Marina-Kette ACI keine Ausnahme. Im Gegenteil. Nun soll auch noch eine so genannte Ökosteuer eingeführt werden. Ein Ankerverbot droht. Dabei sind Liegeplätze nach wie vor rar. Gebühren werden teilweise ohne gesetzliche Grundlage eingetrieben. Segler, die trotzdem kommen, mögen das Land und das azurblaue Meer. Müssen es mögen. Und machen es wie wir: Sie kommen wieder. Buchen sich für wenig Geld auf einem der historischen Motorsegler ein, die seit einigen Jahren so genanntes “Inselhopping” anbieten.
Vom Flughafen in Split sind es nur ein paar Autominuten bis nach Trogir. Direkt vor der mittelalterlichen Altstadt wird eingecheckt. Die nächsten sieben Tage ist eine knapp acht Kubikmeter kleine Kajüte mit Etagenbett, Schränkchen, Tischchen, Hocker, Dusche, Mini-Waschbecken und WC unser Zuhause. Als Fenster dient ein schweres Bulleye. Aus dem kann man gut die dicht an dicht liegenden Straßencafés an der Kaimauer von Trogir sehen. Aus den Lautsprechern dringt gedämpfte Techno-Mugge an unser Ohr. Über den massiven Wehrmauern erhebt sich Sveti Lovro. Mit dem Bau dieser Kathedrale wurde bereits um 1200 begonnen. Auf dem Marktplatz gleich hinter der Altstadt tauschen wir gebührenfrei Euro gegen Kuna. So heißt seit Mai 1994 die kroatische Währung. Im Deutschen bedeutet Kuna “Marder”.Und wir kaufen Ziegenkäse, eine gut abgehangene Rauchwurst und Weißbrot. Kroatien hat uns wieder.
Nach ersten positiven Erfahrungen mit Charteryachten zwischen den dalmatinischen Inseln nun also ein Motorsegler. Die in den sechziger Jahren zu Ausflugsschiffen umgebauten ehemaligen Frachtschiffe sind stäbig. Die massiven Holzrümpfe beherbergen leistungsfähige Dieselaggregate. In unserem Schiffchen verrichtet ein 350 PS Cunnings seine Arbeit. Nur zwanzig Liter Wasser strömten täglich über die Welle an der Stopfbuchse vorbei ins Schiffsinnere, sagt Kapitän Dino Vukovic stolz. Der 29jährige Kroate machte vor elf Jahren sein Patent. Da war er gerade achtzehn. Seitdem befährt er mit seiner MS Toma die dalmatinische Adria. Virtuos bedient er sein Boot. Ohne Zuhilfenahme von Strahlrudern – die gibt es nämlich an Bord der Toma nicht – legt er zentimetergenau an, findet Platz in der kleinsten Lücke für sein 32 Meter über Alles messendes Schiff. Vier Segel kann die klar lackierte Schönheit setzen. neben Groß und Besan sind das Klüver und Fock.
Die zu verrichtende Segelarbeit hält sich zunächst in Grenzen. Wir haben es ja so gewollt. Stattdessen erkunden wir die Inseln Brac, Hvar, Vis, Korcula und Solta mit den Pedalen. Die Fahrräder sind immer an Bord. Auf Tages-Etappen zwischen 29 und 63 Kilometern wollen wir Leute kennenlernen und weit ins Innere der Inseln vordringen. Eine gute Alternative zum sonst üblichen Hafen-Sit in, finden wir. Da kommt auch die Konditionierung nicht zu kurz. Positiver Nebeneffekt: Die grandiose Sicht von oben auf die Inseln Solta, Hvar und Korcula, auf die Halbinsel Peljesac und den nun zu unseren Füßen liegenden Strand “Goldenes Horn”. Der Preis dafür ist im Wortsinne hoch: 778 Meter misst der Viduva Gora, der höchste Berg der Adria-Inseln, der in der Mittagsglut erklommen werden muss.
Seit mehreren Jahren bieten verschiedene Reiseveranstalter Mitfahrten auf traditionellen Motorseglern an. Neben dem Marktführer I.D.Riva Tours mit Sitz in München hat auch Radurlaub ZeitReisen die Marktlücke rechtzeitig entdeckt und den Namen zum Programm erhoben: Inselhüpfen.de bietet seit 1998 Touren in Kroatien an. Was damals noch im Auftrag und im Namen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs begann, hat sich bis heute zu einer erfolgreichen Geschäftsidee mit mehreren Veranstaltern als Weiterverkäufer entwickelt. Nebenbei entstand eine eigene, völlig neue Reiseform: Das Inselhüpfen mit Schiff und Rad.
Die Konkurrenz ist hart. Und sie drückt die Preise. Gut für uns. Um die 500 Euro zahlt man für sieben Übernachtungen an Bord der Toma im Mai. Frühstück, Abendbrot, Fahrräder, ein Seekajak und die Nutzung des ausladenden Sonnendecks inklusive. Bei Inselhüpfen.de muss man zwar 300 Euro mehr berappen. Dafür ist, für den, der es mag, eine fachkundige Reiseführung vor Ort inklusive. Wer will, greift bei den Segelmanövern mit in die Schoten. Praktisch: Um Liegeplätze muss sich die Crew keine Sorgen machen. Meist sind die besten Anleger am Kai reserviert. Ankern? – kein Problem. “Vier bis fünf Firmen sind zurzeit mit dem Programm in Dalmatien auf dem Markt”, sagt Kapitän Dino Vukovic. Früher sei er mit seinem Schiff für die Agentur “Seeadler” unterwegs gewesen, sagt der junge Mann, der als Kind auf dem Schiff seines Vater mitfuhr und so das Seemannshandwerk von der Pike auf lernte. Dann kam I.D.Riva Tours und kaufte die Agentur auf. Dem aus einem Örtchen Nahe der Stadt Omis stammende Kapitän ist das einerlei. Was für ihn zählt, ist die Auslastung seines Schiffes. Und die Zahlungsmoral. Mit beidem sei er zufrieden, sagt der Kroate. Auch wenn er 30 bis 40 Prozent seiner Einnahmen an die Firma abführen müsse.
Wer nicht radeln will, bleibt auf dem Schiff. Oder setzt sich in eines der unzähligen Hafencafés. Oder mietet sich für ein paar Stunden für umgerechnet 20 Euro ein modernes Moped, etwa in Vis auf der gleichnamigen ehemaligen Militärinsel. Wo auf der “verbotenen” Insel zu Zeiten des Sozialismus Kampfjets starteten und landeten, wächst heute wilder Wein. Das Militär – längst abgezogen. Stattdessen unberührte Natur allenthalben. Weinanbaugebiete säumen die Straße. Von oben sieht unser stolzer Zweimaster aus wie eine Nussschale. Ein Hauch von Geschichte umweht uns, als wir auf über 500 Metern Höhe unser motorisiertes Zweirad vor den so genannten Tito-Höhlen aufbocken: Im Zweiten Weltkrieg wird Jugoslawien zerschlagen. In der Folge wird das ehemalige Königreich zwischen Deutschland, Italien und Ungarn aufgeteilt. Von Italien und Nazi-Deutschland unterstützt, bildet sich ein eigener kroatischer Staat unter der Führung von Ante Pavelic. Ein grausamer Bürgerkrieg zwischen den einzelnen Volksgruppen folgt. Partisanen organisieren den Widerstand gegen die italienischen, deutschen und kroatischen Faschisten. Führer der Partisanen wird der Kroate Josip Broz, genannt Tito. Am Fuße der Höhlen, in welchen er bis 1944 zeitweise lebte und arbeitete, sonnen sich heute unzählige Eidechsen. Der Duft von Lavendel begleitet uns auf dem Rückweg über Komica zur Viska Luka, wo die MS Toma schon sanft an den Festmachern ruckelt.
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