Auferstehung eines Nationalen Kreuzers
31.08.2009 | Allgemein
Man sieht der alten Dame ihr Alter von fast 100 Jahren nicht an.
Von Uli Lancé. Die Rede ist von dem 75qm Nationalen Kreuzer „Vinga“, der zur Zeit auf der Michelsen-Werft in Seemoos neu aufgebaut wird. Bereits 1914 wurde das Schiff auf der Werft Abeking & Rasmussen in Lemwerder bei Bremen im Auftrag eines Seglers vom Wannsee gebaut. Getauft wurde es auf den Namen „Erika III“. Noch im selben Jahr wurde das Schiff an den Bodensee verkauft. Es folgten bewegte Jahrzehnte für die Holzyacht. Mehrfach umbenannt und umgebaut pendelte sie zwischen Wannsee, Bodensee, Ostsee und Nordsee hin und her. Bis sie im Jahre 2001 in Berlin landete.
Es folgt eine mehrjährige Umbauphase. Viel Freizeit, Energie und Geld steckte der damalige Besitzer in das Projekt, hatte aber leider wenig Erfolg damit. Dr. Richard Volz aus Meersburg entdeckte das maritime Juwel und kaufte es sofort für die 75 qm Nationaler Kreuzer Klasse Bodensee e.V. Das Schiff soll in Kooperation mit der Michelsen-Werft in Seemoos nach der Restaurierung die Bodenseeflotte vergrößern.
Bootsbaumeister Hans-Joachim Landolt, Inhaber der Werft, hat seit langem eine Schwäche für den traditionellen Holzbau. In der Vergangenheit restaurierte er immer wieder L-Boote und Schärenkreuzer liebevoll und fachmännisch und hat in der Branche den Ruf eines Spezialisten für die Pflege, Reparatur und Neubau klassischer Holzyachten auf der Basis von alten, überlieferten Bauplänen. Aber alle Erfahrung und Begeisterung halfen hier nicht. Nachdem das Material und die Maßhaltigkeit geprüft war, blieb nur die bittere Wahrheit übrig: „Mit einem bezahlbaren Aufwand war die Restaurierung des kaputten Rumpfes nicht machbar“, resümiert der Holzspezialist Landolt. Er entschloss sich für einen kompletten Neuaufbau des Rumpfes. Die Bauwerft A&R steuerte die Originalpläne im Maßstab 1:15 dazu bei. Handgezeichnet 1914 von Henry Rasmussen, berechnet natürlich mit dem Rechenschieber-Computerunterstützung gab es damals nicht.
Im Frühjahr 2008 war es dann soweit. Auf dem Schnürboden wurde der Spantenriss gezeichnet und gleich die ersten 10 Spantenpaare aus heimischem Eichenholz vom Tettnanger Wald gebaut. Am 5. Juli diesen Jahres erfolgte die Kiellegung der „neuen Vinga“ und alle Spanten wurden aufgestellt, Balkweger und Decksbalken folgten. Am 19. August begann die Werftmannschaft mit der Beplankung aus afrikanischem Sipo-Mahagoni. Man kann die endgültige Form der eleganten Holzyacht schon erahnen, wenn man sie mit den geschwungenen Spanten in der Werfthalle stehen sieht. Die Besucher der Interboot in Friedrichshafen können die Fertigstellung der Beplankung life miterleben. Auf dem Stand des Verbandes der Bodenseewerften werden neun Tage lang ein Meister und zwei Auszubildende den Besuchern klassischen Holz-Bootsbau nahe bringen.
Im Januar 2010 geht es mit dem Schiff gleich auf die nächste Messe: Auf der „Boot“ in Düsseldorf wird die „Vinga“ am Stand des „Förderverein Deutsche Museumswerft e.V.“ zu sehen sein. Dort ist Hans-Joachim Landolt kein unbekannter. Bereits im letzten Jahr präsentierte er dort den Neuaufbau des L-Bootes „Gazelle“. Im nächsten Sommer wird das Deck und der Innenausbau fertiggestellt, im darauf folgenden Jahr folgt die Montage des Rigg und der Beschläge. Zum Schluss wird noch der original Kiel mit den originalen Bronzebolzen nach vorheriger Materialprüfung untergebolzt. Dann gleitet der 75qm Nationale Kreuzer mit der Segelnummer „O 12“ nach 4jähriger Abstinenz wieder durch sein angestammtes Element: Es folgt das Probesegeln auf dem Bodensee.
Neben Hans-Joachim Landolt arbeiten in der Michelsen-Werft noch ein Meister, fünf Auszubildende und drei Gesellen. Und sie arbeiten nicht ausschließlich an traditionellen Holzyachten. Der Arbeitsschwerpunkt ist der Winterlagerbetrieb und die Wartung, Pflege und Reparatur von Holz- und GfK-Schiffen der Stammkundschaft. Aber die Liebe des Werftchefs gilt den klassischen Holzyachten und der Vermittlung seines Wissens an die Auszubildenden. „Um den Lehrlingen das Holzhandwerk im Bootsbau nahe zubringen, habe ich 2004 mit dem Neuaufbau des L-Bootes „L 81“ begonnen, „L 154“ und „L 110“ folgten. Bei diesen Projekten wurde ein guter Ausbildungserfolg erzielt. Die Boote wurden angenommen und verkauft. Sie sind heute erfolgreich in der L-Boot-Szene unterwegs.“ erzählt Hans-Joachim Landolt stolz und zufrieden. „Der 75er „Vinga“ ist der Höhepunkt an technischem Kulturgut vor dem Ersten Weltkrieg. Dieses Schiff wieder auf dem Bodensee segeln zu lassen stellt eine einzigartige Herausforderung dar“.
75 qm Nationaler Kreuzer „Vinga“
Das Schiff wurde 1914 unter der Baunummer 379 und dem Projektnamen „Freia“ bei Abeking & Rasmussen nach einem Riss von Henry Rasmussen für Dr. Martin Freund vom Verein Seglerhaus am Wannsee gebaut, der es „Erika III“ nannte. Noch im selben Jahr verkaufte er es an Geheimrat Hofrat Dr. Krönig aus Konstanz, der das Schiff an den Bodensee holt, auf den Namen „Ruth“ tauft und dort bis 1918 segelt. Dann holt Emil Wiese die „Ruth ex Erika III“ als „Loreley“ nach Hamburg in den Norddeutschen Regattaverein. 1919 erwirbt Max Treess das Schiff und gibt ihm den Namen „Erika“ zurück. Der nächste Eigner tauft die Yacht 1920 „Wega“, 1924 wird sie weiterverkauft und heißt nun „Matho II“. Während des Zweiten Weltkriegs verschlägt es das Schiff an die Ostsee nach Timmendorfer Strand, dort wird es auf den Namen „Vinga II“ getauft. 1955 kauft die Baltische Seglervereinigung Hamburg für 6000 Mark die Yacht und benutzt sie als Clubschiff. Da der achterliche Übergang rott ist, wird dieser etwas gekürzt. Das ehemals 11,70 m lange Schiff ist jetzt nur noch 11,58 m lang. 15.304 Seemeilen legt die „Vinga III“ bis 1963 zurück. Nach einigen Zwischenstationen landet das Schiff in Berlin, wo es am 21. 11. 2007 in den Besitz des heutigen Eigners übergeht, der es für die 75 qm Nationale Kreuzer Klasse Bodensee e.V. erwirbt, um nach der Restaurierung durch die Michelsen-Werft die Bodenseeflotte um ein weiteres Schiff zu vergrößern.
© Alle Fotos: Uli Lancé




