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Cammas will noch mehr [VIDEO]

30.05.2009 | Allgemein

Ein Franzose hat das Mittelmeer schneller überquert als jeder Segler vor ihm.

Von Konrad Kubisch. Wer das westliche Mittelmeer mit einem Segelschiff erkunden will, muss den Mistral kennen, denn der kann das friedliche Gewässer jederzeit in eine Sturmsee verwandeln. Dann bläst ein harter Wind bei Marseille, verstärkt durch das Tal der Rhone, aus nördlichen Richtungen bis hin zu den Balearen. Sportschiffer suchen jetzt Schutz, und gleichzeitig schlägt die Stunde für Sportler wie Franck Cammas.

Mit seiner Crew hat er wochenlang auf den Mistral gewartet, er will die Strecke von Marseille nach Tunis, auf direktem Kurs wären es 484 Seemeilen (896 Kilometer), in weniger als 17 Stunden, 56 Minuten und 33 Sekunden bewältigen. Diesen Rekord hält seit 2004 der Franzose Bruno Peyron mit seinem Katamaran “Orange 2″.

Wetterexperte Sylvain Mondon von Météo France ruft an: Code gelb. Der Mistral weht so, dass ein Start binnen 48 bis 72 Stunden möglich ist. Jetzt muss der riesige Trimaran “Groupama 3″ vorbereitet werden. 31,50 Meter lang ist das Schiff, nur 18 Tonnen schwer, und bis zu 1000 Quadratmeter Segel sind ein Antrieb, den manche Motoryacht nicht bieten kann. 79 Menschen waren am Bau der “Groupama 3″ beteiligt, die schon einiges auf dem Buckel hat: Vor Jahresfrist kenterte Cammas mit der Yacht im Südmeer, als er den Rekord für die Erdumrundung jagte.

Cammas segelt seit Jahren erfolgreich mit mehrrümpfigen Schiffen. Er gehört zu den großen Sportstars in Frankreich, Sponsor und Namensgeber seiner Yacht ist eine Versicherung, und 100 000 Arbeitsstunden mussten bezahlt werden, um die “Groupama 3″ herzustellen. In Frankreich hat der Hochsee-Segelsport Dimensionen erreicht, die für Deutschland unvorstellbar sind.

Franck Cammas verfügt sogar über drei Rennyachten. Bevor er die “Groupama 3″ hatte, ersegelte er auf der nur wenig kleineren “Groupama 2″ zahlreiche Siege, auch bei Rennen über den Atlantik. Und seit der populäre iShares-Cup mit 40-Fuß-Katamaranen ausgetragen wird, bescherte ihm sein Sponsor auch dafür ein passendes Schiff. Cammas, 36 Jahre alt, Klavier- und Geigenspieler, scheint mit dem Wind im Bunde zu stehen.

Noch wenige Stunden bis zum Start. Die Crew geht die Checklisten durch, kontrolliert vor allem das Rigg, aber auch die Steueranlage und schaut immer wieder auf die Meldungen ihres Wetterexperten. Mit ihm werden sie auch während der Fahrt verbunden bleiben: Ohne einen Wetterrouter, der jede Änderung des Windes ansagt, sind Rekorde kaum aufzustellen. Vor dem Start muss der Experte klären, ob der Mistral stark genug wehen wird, wie weit nach Süden seine Kraft anhält und vor allem: aus welcher Richtung genau er kommt.

Nach dem Einflussgebiet des Mistrals muss auch auf der zweiten Hälfte der Route ein Tiefdruckgebiet her, damit die Rennyacht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von mindestens 25,53 Knoten erreicht. Um 19.19 Uhr ist es so weit, die “Groupama 3″ überquert die Startlinie vor Marseille, der Mistral bläst wie angekündigt mit 20 bis 35 Knoten aus Nordnordwest und beschert der Yacht Geschwindigkeiten bis zu 43 Knoten. 80 km/h auf dem Wasser, das ist nur knapp unter dem absoluten Rekord für Segelyachten (46,88 Knoten), und es ist eine enorme Belastung für Menschen und Material, weil das Wasser das Schiff zu bremsen versucht.

Das Mittelmeer türmt zwar nicht Berge auf wie der Atlantik, doch schlagen hier die zwei bis drei Meter hohen Wellen kurz hintereinander gegen das Boot. Gottlob steigen die Rümpfe des Trimarans schon bei geringem Tempo aus dem Wasser – das Boot versucht gleichsam, übers Meer zu fliegen.

Während des Rennens vergleicht Franck Cammas immer wieder seine Fahrt mit der des Rekordhalters Peyron. Der war 2004 weiter östlich gesegelt, die “Groupama 3″ bewegt sich mehr westlich auf Tunesien zu. Südlich von Sardinien war die “Orange 2″ fast direkt aufs Ziel zugefahren, während Cammas einen Umweg macht. Stunden nach dem Start kreuzen sich beide Kurslinien zum ersten Mal, die “Groupama 3″ liegt zu diesem Zeitpunkt um gut vier Seemeilen hinter der gedachten “Orange 2″ zurück.

Der Rekordhalter hatte es hinter Sardinien allerdings schwer, denn der Einfluss des Mistrals lässt in diesem Seegebiet spürbar nach. Die Crew der “Groupama 3″ hat mehr Glück: Immer noch bläst der Wind mit 20 bis 25 Knoten, und er behält die nördliche Richtung bei. Nun kann die “Groupama 3″ direkten Kurs nach Südost anhalten, während 2004 die “Orange 2″ weiter nach Süden segeln musste, bevor sie Kurs auf die tunesische Küste nehmen konnte. Franck Cammas und die Seinen gehen in Führung.

Die Crew der “Groupama 3″ gönnt sich dennoch keine Ruhepausen, bis zum Ziel wird sie alle Manöver an Deck gemeinsam ausführen. Höchste Konzentration ist gefragt, besonders als auf halber Strecke der Wind schwächer wird und häufiger dreht. Der Vorsprung auf die Rekordmarke schrumpft, die “Groupama 3″ liegt wieder 15 Seemeilen zurück. Doch irgendwie kommen die Segler mit den Winden zurecht und erreichen schließlich das Ziel nach 17 Stunden, 8 Minuten und 23 Sekunden – obwohl sie am Ende 532 Seemeilen zurücklegen mussten, ist ihnen ein neuer Rekord mit einem Durchschnittstempo von 31,03 Knoten gelungen. Cammas rühmt Crew und Schiff, das bereit sei für weitere Rekorde. Noch dieses Jahr will er der schnellste Segler werden auf der Nordatlantikstrecke von New York nach England.

Quelle: Welt am Sonntag

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