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Die ersten Tage – eine Perlenschnur von Sternstunden

29.04.2009 | Allgemein

Beluga-Racer in der vierten Etappe des Portimão Global Ocean Race.

Im Southern Ocean werden Regatten um die Welt nicht gewonnen, sondern verloren, wenn die Yachten Schaden nehmen oder gar sinken. Wo also, wenn nicht hier, auf dem “Heimweg” im Atlantik geht es nun wieder primär um den Wettbewerb. Die Herausforderung Southern Ocean liegt hinter uns. Waren wir beim Aufstieg vom Hoorn nach Ilhabela noch im Hochseemodus? Spätestens jetzt schlägt ein anderer Puls an Bord. Es geht her wie bei einer Inshore-Regatta.

Wie soll es auch anders sein in Sichtweite der Küste und in Sichtweite des Gegners bei 35 Grad in Shorts mit “nur” einer kurzen Sprintdistanz vor uns.

Wie soll es anders sein, wenn zwei hochseemüde Jollensegler nach Monaten wieder richtige Jollensegelbedingungen finden? Sie lassen es krachen, erstmals steht der große Spi und das ungereffte Groß wieder bei 28 bis 30 Knoten Wind. Wir erreichen Geschwindigkeiten, die wir auf Etappe 3 im hohen, konfusen Seegang und im Sicherheitsmodus des Southern Ocean nicht erzielen konnten.

“Vorsicht!” schießt es mir gestern in den Kopf als wir mit 20 Knoten raumschots die Chilenen jagen: Um dieses Rennen zu gewinnen müssen wir immer noch bis nach Portimao segeln, selbst wenn wir erste am nächsten Gate sein sollten, selbst wenn wir erste in Charleston sein sollten. Ein Mastbruch, ein letzter Platz, kann das Punktekonto schnell wieder ruinieren. Und was dann?, tagträume ich an der Pinne, wie sollte man einen Mast innerhalb einer Woche, die uns vielleicht bleibt nach Recife bekommen?, könnten wir die Class40-Freunde in den USA überreden uns ihren zu leihen? Schluss mit den Gedanken! Wir schauen nach vorne ins nächste Wellental, surfen los und lassen eine weiße Gischtspur hinter uns.

Dann endlich taucht der vertraute markante, dunkle Fleck am Horizont auf. Das können nur die Chilenen sein. Die Schoten werden noch ein bisschen enger geschnallt, der Steuermann duckt sich unter die Gischt mit eisernem Blick nach vorn: Angriff!

Zwei Halsen später kommt es zum ersten “Crossing”, wir auf dem bevorrechtigten Backbord-Bug. Ich werde nervös: “Felix check die Peilung!, kannst du jemanden an Deck erkennen?” “Nein – keiner zu sehen, die Peilung steht, wir laufen genau auf sie zu!” Die Nackenhaare sträuben sich. Mühselig kontrolliere ich am Ruder unseren Surf-Ritt, versuche, so gut es geht den Speed hoch zu halten und den Kiel unter dem Mast, bzw, den Mast über dem Kiel zu balancieren. Ausweichen, schwer möglich. Wir müssten den Spi bergen und das würde mehrere Minuten dauern. Entweder entdecken wir bald jemanden an Deck oder wir müssen aus Vorsicht ein Manöver einleiten. Wir zögern wie versteinert. Dann ist es zu spät. Wir sehen den Bug der Cabo de Hornos weit aus dem Wasser ragen im Surf, genau auf uns zu. Ich bete, dass wir vorne durchgehen mögen. Dann Erleichterung: Felix entdeckt im Fernglas die zwei Chilenen an Deck. Plötzlich sind wir genau vor ihrem Bug, etwa 50 Meter und schießen vorbei. Beide Mannschaften winken und rufen. Wir haben unsere erste Führung “erzwunden”, brutal übertakelt. Jetzt heißt es konsolidieren, erstmal einen Gang zurückschlaten und reffen – und halsen, um bei den Chilenen zu bleiben, zu kontrollieren und zu decken. Wir reffen also das Groß, bergen den Spi, halsen und setzen den kleinen Spi. So sind wir immer noch schneller als die Chilenen, die unter Code5 segeln und bauen den Vorsprung weiter aus, bis bald der Sichtkontakt abbricht.

In meiner darauffolgenden Wache, während der sich Felix unter Deck ein wenig erholt, folgt eine meiner persönlichen Sternstunden: Der Wind frischt böig auf, die See wird steiler, die untergehende Sonne färbt den Wolkenhimmel in einem unglaublichen Purpur und Rosa. Unsere Segel, das Meer, die Wanten, Relingsstützen reflektieren Kupferfarben das unwirkliche Licht, während wir die wildesten Surfs hinlegen, die ich mit dem Schiff erlebt habe. Am Ruder fühle ich mich eins mit Welle und unserem Surfboot. Mit Jan Delay-Musik in den Ohren versinke ich für zwei Stunden in einem Adrenalinrausch meditativer Konzentration, wie in einem Sportwagen auf einer Serpentinenstrecke in den Bergen. Als Steuermann sitzt man quer zur Fahrtrichtung und reißt bei diesen Bedingungen mit beiden Händen an der Pinne, um mit präzisen, radikalen Ruderbedingungen die Wellen hinabzureiten und rechtzeitig wieder anzuluven, um beim Aufprall auf die vorauslaufende Welle nicht zu langsam zu werden.

Dennoch stoppt das Schiff oft mächtig auf und beschleunigt dann wieder ruckartig, wenn der Bug über die nächste Welle ins Tal kippt, so dass man voller Spannung das Gleichgewicht halten muss, um nicht an der Pinne nach vorne oder hinten umzufallen.

Felix hat anschließend eine herausfordernde Nacht vor sich. Der Wind nimmt zwar leicht ab, aber dafür kommen einige Schauerböen vorbei und er muss durch ein Minenfeld aus Ölbohrinseln, Schleppern, Fischern und Explorationschiffen steuern. Ich schlafe in Rufweite auf dem Boden direkt vor dem Niedergang. Einmal springe ich bei, als wir 100 Meter vor einem konfus manövrierenden Versorgerschiff ins Straucheln geraten. Wüssten die auf der Brücke, was es für uns bedeutet, den Kurs zu ändern oder überhaupt erstmal zu halten, würden sie uns das Leben sicher nicht so schwer machen.

Nun ist es einen Beat ruhiger und der genaue Blick auf die Wetterlage ist wieder gefragt.

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