“Silber” an die “Quest” und die “Wild Oats XI”
30.12.2008 | Allgemein64. Rolex Sydney Hobart: Berliner “Walross”-Segler nach dreieinhalb Tagen Hochseerennen erschöpft, aber glücklich in Hobart angekommen.
Nach drei Tagen, 15 Stunden, 40 Minuten und 25 Sekunden mit Höhen und Tiefen segelte die Berliner Hochseeyacht “Walross IV” am Dienstag (30. Dezember) im Morgengrauen als 43. von 100 gestarteten Booten über die Ziellinie vor Hobart auf Tasmanien. Das bedeutete für die einzige deutsche Mannschaft unter Skipper Christian Masilge beim 64. Rolex Sydney Hobart Yacht Race nach berechneter Zeit Rang 66. Gesamtsiegerin wurde die “Quest” von Bob Steel, nachdem die Superyacht “Wild Oats XI” von Bob Oatley (beide Australien) zum vierten Mal in Folge Erste im Ziel war, ein neuer Rekord. In dem harten Rennen gaben fünf Crews auf, ein Schiff sank.
Auf dem anderen Ende der Welt schlug es 4.40 Uhr, als die “Walross IV” nach 628 Seemeilen, umgerechnet mehr als 1.150 Kilometer, aus Sydney in Hobart ankam. Dennoch wurde am Constitution Dock ausgiebig gefeiert, denn es verging in der Nacht keine Stunde, in der nicht weitere Teilnehmer das Ziel des Hochseeklassikers erreichten und zurück an Land, teils euphorisch, teils erschöpft ihre einmaligen Erlebnisse austauschten. Bei den zwölf glücklichen Berlinern, überwiegend Studenten vom Akademischen Segler-Verein, dem die “Walross IV” gehört, floss tasmanisches Bier in Strömen. Zwischendurch gab es ein Frühstück mit Eiern und Speck, nachdem die Tage zuvor gefriergetrocknete Tütengerichte auf dem Speiseplan gestanden hatten.
“Es war sicher nicht das härteste Rolex Sydney Hobart der Geschichte, aber es war auch alles andere als ein Zuckerschlecken”, berichtete Christian Masilge am Tag danach. Auch seine Crew hatte zwischendurch mit stürmischen Böen bis Stärke acht zu kämpfen, wobei Schwerwetter dem 16,50 Meter langen Boot besonders gut liegt, da es für Weltumseglungen konzipiert wurde und ausgelegt ist. Die “Walross IV” erreichte unter Spinnaker eine Spitzengeschwindigkeit von gut 21 Knoten (fast 40 km/h). “Solange die starke Brise durchhielt, lagen wir auch noch ganz gut im Rennen”, so der Skipper, “doch am zweiten Tag holte uns eine Flaute ein. Da haben wir viel Zeit und Boden verloren.”
Obwohl die Mannschaft ständig versuchte, das Optimale aus dem Schiff heraus zu holen, blieben auch Momente, die unvergleichlichen Naturschauspiele zu genießen. So schrieb Crewmitglied Claus Schaefer ins Logbuch: “Zur Freude der Schiffsführung überbietet sich die Mannschaft im Erkennen der nächsten Windfelder, um sich im nächsten Augenblick von Meerestieren ablenken zu lassen. Eine Robbe schwimmt gemächlich in unserem Kielwasser und beäugt uns aus sicherer Entfernung. Es scheint, als ob sie sich abwechselnd über die hektischen Segelmanöver und die Fototouristen, die meist vergeblich versuchen, sie abzulichten, amüsiert.”
Nicht bei allen Teilnehmern überwog das Hochgefühl. Denn während auf der “Walross IV” am Ende das Steuerrad nur klemmte, kollidierte die australische “Georgia” mit einem unbekannten Gegenstand unter Wasser, brach Ruderstock und -schaft und sank kurze Zeit später nach erheblichem Wassereinbruch. Die 14-köpfige Crew wurde in einer Rettungsaktion wie aus dem Lehrbuch von einer anderen Regattayacht aufgenommen und in Sicherheit gebracht. Die Sicherheitsvorschriften des veranstaltenden Cruising Yacht Club of Australia, die nach einem katastrophalen Orkanrennen mit sechs Toten auf See vor zehn Jahren überdacht und verschärft worden waren, bewährten sich einmal mehr.
Ein Blick auf die Ergebnisliste zeigt sofort, dass das 64. Rolex Sydney Hobart Yacht Race ein Rennen für die mittelgroßen Hightech-Yachten war. Die ersten drei Plätze belegten knapp 16 Meter lange TP 52-Boote, angeführt von der “Quest” eine knappe halbe Stunde vor der “Cougar II” von Alan Whiteley und eine gute Stunde vor der “What Now” von Graeme Wood (beide ebenfalls Australien). Während die größeren, potentiell schnelleren Schiffe es nicht schafften, ihr Handikap heraus zu segeln, reichte den kleineren, langsameren die Zeitgutschrift nicht. Um unterschiedlich große Yachten gerecht gegeneinander zu werten, wird die gesegelte Zeit mit bootsspezifischen, international anerkannten IRC-Rennwerten multipliziert. Die berechnete Zeit ergibt das Klassement.
Darauf hatte es das 24-köpfige Team der “Wild Oats XI” überhaupt nicht abgesehen. Skipper Mark Richards hatte allein darauf gesetzt, den bestehenden Hattrick zu toppen und wieder “First Ship Home”, also Erster im Ziel zu sein. Das gelang erst nach einem unerwartet harten Zweikampf gegen die ebenfalls einheimische “Skandia” von Grant Wharington, die der Topfavoritin trotz gravierender Nachteile – nur sieben statt 18 verschiedene Segel – lange Zeit Paroli bot. Dabei blieb die “Wild Oats XI” in einem insgesamt sehr schnellen Rennen nur rund zwei Stunden über ihrem eigenen Streckenrekord von 2005, als sie einen Tag, 18 Stunden, 40 Minuten und zehn Sekunden benötigte.
Nach einer rauschenden Silvesternacht in Hobart kommen die Seglerinnen und Segler am Neujahrstag noch einmal zur offiziellen Preisverteilung zusammen. Bob Steel und seine “Quest”-Crew erhalten den Hauptpreis des Rennens, den begehrten Tattersalls’ Cup, Bob Oatleys Mitstreiter von der “Wild Oats XI” die Illingworth Trophy, und beide je eine edle Rolex Armbanduhr.



