Pralle Formen für den Bug
22.12.2008 | AllgemeinVon Klaus Bartels. Die einzige Galionsfigurenschnitzerin der Welt kommt aus Deutschland.
Galionsfiguren, die die Bugs von Schiffen schmücken, präsentieren in der Regel weibliche Rundungen. Designerin Birgit Hartman aus Schwanewede bei Bremen erweitert dieses weiblich anmutende Thema durch eine neue Komponente: Sie ist weltweit die einzige Frau, die Galionsfiguren schnitzt.
Seit 1994 beschäftigt sich die Künstlerin zusammen mit ihrem Ehemann Claus Hartmann mit der Schiffsbildhauerei. Der erste Kunde des Künstlerpaares war der Schulschiffverein des Schoners „Großherzogin Elisabeth“ in Elsfleth. Die Vereinsmitglieder waren so begeistert von der personifizierten Großherzogin aus Holz, dass sie die Hartmanns gleich an die Reederei Deilmann weitervermittelten, die eine Galionsfigur für das „Traumschiff“ Lilli Marleen“ in Auftrag gab.
Allerdings kann das Ehepaar auch weniger runde Formen in Holz schnitzen, wie sie mit dem stilisierten Albatros am Bug des Segelschulschiffes der Bundesmarine, „Gorch Fock“, deutlich machten. Dieser Auftrag kam, weil das Schulschiff die Originalfigur im Sturm verloren hatte. Zur Zeit engagieren sich die Künstler in der boomenden Superyachtbranche. Kein Wunder: Ganz in der Nähe ihrer Werkstatt befinden sich die Werften von Lürssen und A&R. Es geht in diesem Geschäftsfeld in erster Linie um Namensschilder in Gold oder anderen Edelmetallen, Wappen, aber auch um Galionsfiguren. Und da ziehen Superyachteigner das Material Edelstahl vor – meistens aber auch Figuren mit starken weiblichen Rundungen. „Wir arbeiten zur Zeit viel mit Blattgold“, sagte Birgit Hartmann. Bei den Edelstahlfiguren übernehmen die Schnitzer ihren Worten nach den künstlerischen Teil. Formen, von denen in Kunststoffblöcken heraus gearbeiteten Figuren und der Guss selbst erfolgen in Fachbetrieben.
Claus Hartmann, der auf eine weit zurückreichende Familientradition berühmter Segelschiffskapitäne verweisen kann und schon mit 17 seine erste Figur geschnitzt hatte, unterstützt seine Frau bei der kreativen Arbeit. Das gemeinsame Werk kann sich sehen lassen. Viele alte und auch neue Großsegler und Yachten schmücken ihren Bug mit Figuren aus Schwanewede. Auf allen sieben Weltmeeren sind die „Gesichter“, von Birgit und Claus Hartmann. zuhause „Zwischen Hamburg und Martinique, Grönland und Kap-Hoorn von Bristol bis St. Petersburg – es gibt kaum einen Hafen, der nicht schon einmal von einer unserer Galionsfiguren gesehen wurde“, erklären die Künstler nicht ohne Stolz.
Der Ort, an dem die Hartmanns für die Schifffahrt arbeitet, ist passend gewählt: ein altes Gehöft, mitten in der Natur gelegen mit freiem Blick auf den Schifffahrtsweg Weser. Das Anwesen ist für die Künstler gleichermaßen Wohnort und Werkstatt. Gearbeitet wird meistens direkt am Weserufer, und für die Bearbeitung der Baumstämme benutzen beide moderne Werkzeuge wie Motorsäge und Bohrmaschine. Die Feinarbeit erfolgt jedoch traditionell mit kleinen Schnitzmessern. Ohne den Zugriff auf die moderne Technik wäre beispielsweise viele Galionsfigur aus Schwanewede nur schwer zu realisieren gewesen. So entstand der Albatros für das ukrainische Segelschulschiff „Khersones“ aus einem drei Meter hohen, tonnenschweren Stamm. Acht Wochen hatte es gedauert bis das rohe Holz in einen riesigen Albatros verwandelt war. An einer durch pralle, runde Formen auffallenden Frauenfigur für den Bug in dieser Größe hätten sie noch länger gearbeitet.
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