Als Erste auf der anderen Seite des Äquators
29.10.2008 | AllgemeinDeutsches Team auf der „Beluga Racer“ liegt bei Segelrennen um die Welt vorne.
Position 03° 49.02S – 31° 33.37W. Boris Herrmann und Felix Oehme, die beiden jungen Skipper an Bord der „Beluga Racer“, haben bei der Premiere des „Portimão Global Ocean Race“ für 40 Fuß (rund zwölf Meter) lange Segelboote als Erste den Äquator passiert. Nach jetzt 15 Tagen auf hoher See hat das Tandem aus Oldenburg/Kiel und Hamburg rund 270 Seemeilen Vorsprung vor der britischen Zweihand-Crew „Mowgli“, zehn weitere vor dem Duo aus Chile und sogar mehr als 500 Seemeilen vor dem südafrikanischen Team sowie dem niederländischen Einhandsegler Nico Budel. Lediglich Michel Kleinjans aus Belgien kann auf der „Roaring Forty“ bei 150 Seemeilen Rückstand noch so etwas wie Anschluss halten.
Nun sind die Deutschen in die südliche Hemisphäre eingetaucht. Boris Herrmann hat den Atlantik
bereits als Solist in einem Boot überquert und kreuzt den „Großen Teich“ jetzt schon zum vierten Mal in diesem Jahr. Auch Felix Oehme ist Transatlantik-erprobt. Doch jetzt erforschen beide seglerisch neue Welten. „Dies ist keine Reise, es ist eine Expedition“, sagt Boris Herrmann zu den bevorstehenden Monaten auf dem rauen Wasser der südlichen Hemisphäre. Vor der finalen Zielankunft in ungefähr 250 Tagen wird noch eine weitere Äquatorüberquerung stehen, dann zurück auf die Nordhalbkugel.
Das „Portimão Global Ocean Race“ – ein neues Segel-Event, das mehr auf die menschliche Leistung und weniger auf die Höhe der Budgets oder eine reine Materialschlacht ausgerichtet ist, womit es einen Gegenpol bildet zu anderen „Um-die-Welt-Rennen“ wie dem zeitgleich ausgetragenen Volvo Ocean Race – wurde am Sonntag, 12. Oktober 2008, in Portimão an der portugiesischen Algarveküste gestartet. Auf fünf Etappen mit Zwischenzielen in Kapstadt (Südafrika), Wellington (Neuseeland), Ilhabela (Brasilien) und Charleston (USA) führt es über 30.000 Seemeilen um die berühmten Kaps der Seefahrt, durch das wilde Südmeer, immer Richtung Horizont. Und erst im Sommer 2009 zurück nach Portimão. Dann gilt die Welt als umrundet. Für die Segler ist das Bewältigen der zahlreichen Herausforderungen dieses Rennens das, was für Bergsteiger der Gipfelsturm auf dem Mount Everest ist: Ein großes Abenteuer, das nur sehr wenige Menschen in ihrem Leben bewältigen können.
Mit ungewöhnlicher Taktik und zuweilen auch gegen die Ratschläge der von Land aus beratenden Meteorologen, haben Boris Herrmann und Felix Oehme bereits auf dem ersten Zehntel dieser Weltumsegelung großes taktisches Talent bewiesen. Ihr Gespür für die richtigen Manöver, für das passende Maß aus Mut und Vorsicht gepaart mit dem richtigen Gespür für den optimalen Kurs hat die 27-Jährigen mitten durch die Kanaren und die Kapverden segeln lassen, statt die klassische Route außen um die Inselgruppen herum zu wählen. Und während die anderen Teilnehmer den Kalmengürtel der innertropischen Konvergenzzone möglichst weit auf westlichem Kurs passierten, um nicht zu sehr von Flauten bedroht zu werden, fuhren Boris Herrmann und Felix Oehme annähernd schnurgerade durch dieses bei Seglern berüchtigte Gebiet. Die Kalmen, auf Englisch poetisch klingend auch „Doldrums“ oder von den Franzosen „Pot au Noir“ (schwarzes Loch) genannt, können nahezu windstill sein und vollkommen ruhig.
Hier, wo die beiden maßgeblichen Wetterzonen der nördlichen und südlichen Halbkugel sich praktisch aneinander reiben, können sich aber binnen Minuten auch gefährliche Stürme entwickeln und Wolkenberge aufziehen, die alles Licht verschwinden lassen. Team Mowgli demolierte unterwegs seinen Spinnaker, die Südafrikaner gerieten in einen harten Sturm und verloren vorübergehend die Kontrolle u?ber ihr Schiff. Die „Beluga Racer“ indes wurde von ihrer Crew zielstrebig durch die Zone gesteuert. Die Taktik von Boris Herrmann und Felix Oehme zahlte sich erneut aus: Sie waren die Ersten, die den Kalmengürtel wieder verließen und jetzt im konstanten Südostpassat dem Kontrollwendepunkt vor Recife, Brasilien, entgegen rauschen.
Am Samstagabend belohnten sich die Skipper für die bei viel Arbeit, wenig Schlaf und recht
eintönigem Essen schon bis dahin strapaziösen Tage mit einer Kinostunde auf dem Monitor unter Deck. Zwischendurch lesen sie schon mal Shackleton und Tolstoi. Doch an diesem Abend lief „Das Bourne Ultimatum“. Dazu ein kleines Glas Whiskey für jeden und beim Überqueren des Äquators ein Glas Whiskey für den Meeresgott, verbunden mit der Bitte nach gutem Wind und Sonnenschein. Das „Gate“ bei Recife, wo 30 Grad und blauer Himmel warten, wird voraussichtlich am späten Dienstagabend passiert.
Danach geht es mit der „Beluga Racer“ erneut quer über den Atlantik und in leichtem Südbogen gen Kapstadt, wo Boris Herrmann und Felix Oehme auf jeden Fall bis Mitte November eintreffen wollen. Das ist ihr eigenes Ultimatum, um in Südafrikas Metropole als Sieger der ersten Etappe des „Portimão Global Ocean Race“ einzulaufen – und als Zuschauer rechtzeitig für den Start der nächsten Etappe des großen Volvo Ocean Race.
Momentan erfreuen sich die Skipper noch an der am Südhimmel besonders hell und zahlreich leuchtenden Sternenpracht. Doch Stu?rme und steile Wellen werden kommen und aus dem zeitweiligen Vergnügen wieder eine herausfordernde Expedition machen. Mit Vorräten, die noch immer auskömmlich vorhanden sind, keinen größeren Problemen dank des intakten Materials an Bord, einem schnellen und sicheren Schiff, mit reichlich Unterstützung durch Fans und Freunde daheim sowie dem erhebenden Gefühl, als Top-Positionierte auf dem Leaderboard des ersten „Portimão Global Ocean Race“ bislang immer die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben, sind Boris Herrmann und Felix Oehme gut gelaunt in Erwartung dessen, was noch ansteht. „Wir sind wohlauf“, sagen sie, „wir können noch eine ganze Weile so weitermachen.“



