Kleine Boote fahren in die Krise
28.10.2008 | AllgemeinWährend Superyachten Konjunktur haben, droht der Mittelklasse eine Flaute
Das Branchen-Barometer kündigt stürmisches Wetter an denn der Wind weht manchem Anbieter direkt ins Gesicht. “Der Markt ist dramatisch geschrumpft”, sagt Michael Hammermeister von Hellwig Boote aus Erkelenz, einer Werft, die kleine Motorboote bis sieben Meter Länge baut.
Rund 25 Prozent Rückgang schätzt der Bootsbauer für Deutschland, in Skandinavien und England sieht er den Markt um 30 Prozent schrumpfen, in den USA gar um die Hälfte. “Dort werden Boote meist über Komplettfinanzierung gekauft – das wird noch ein böses Ende geben.” Die Bankenkrise zieht so auch die Bootsbauer in Mitleidenschaft.
Aber der Bundesverband der Wassersport-Wirtschaft (BVWW) in Köln hat auch ohne die aktuelle Entwicklung in Übersee herausgefunden, dass der Optimismus der Branche nachlässt: Nach einer Umfrage unter den Mitgliedsfirmen glauben nur noch knapp 60 Prozent, dass die Geschäftslage besser sei als im Vorjahr oder zumindest genauso gut. 2007 lag dieser Wert noch bei 75 Prozent. Etwas mehr als die Hälfte hofft weiterhin, dass sich die Konjunktur mittelfristig stabil oder besser als in diesem Jahr entwickeln werde – vor einem Jahr glaubten das noch 85 Prozent der BVWW-Unternehmen.
Bei Motorbooten blickt die deutsche Bootswirtschaft auf eine lange Phase des Wachstums zurück: Seit 2001 wurde die Zahl der jährlich exportierten Motorboote von rund 550 auf rund 2130 im vergangenen Jahr nahezu vervierfacht. Im gleichen Zeitraum hat sich der Export von Segelyachten von 1918 auf 2835 Stück erhöht, und im ersten Halbjahr 2008 wuchs der Export an Segel- wie Motorbooten noch einmal fast um 50 Prozent. Auf dem Binnenmarkt dagegen geht der Absatz kontinuierlich zurück, sagt Joachim Pfister von Boote Pfister aus Schwebheim bei Schweinfurt. “Bis Bootsgrößen von 15 Metern ist die Lage schlecht, die Stimmung ist mies”, sagt der Händler.
Dabei kann Pfister nicht klagen. Mit Booten der US-Marke Sea Ray hat er in diesem Jahr gute Geschäfte gemacht. Grund: der bisher günstige Dollarkurs, der Importe billiger machte. Allerdings muss sich Pfister für seinen Umsatz mehr anstrengen: “Das Angebot, vor allem an Gebrauchtbooten, ist zu groß – und die Leute haben kein Geld mehr.”
Das wird zum Teil mit allgemeinen Einflüssen begründet. “Die ersten Ausläufer der sich abflachenden Konjunktur haben die maritime Wirtschaft in Deutschland erreicht”, sagt Jürgen Tracht vom Branchenverband BVWW. Bei größeren Investitionen seien die Kunden zurückhaltender geworden. Vor allem kleine Boote bleiben bei den Händlern stehen.
“Es fehlt der Nachwuchs”, klagt Michael Hammermeister von Hellwig Boote. Der demografische Wandel mache sich auch im Wassersport bemerkbar. Kleine Boote werden vorwiegend von jungen Einsteigern gekauft. Die aber fehlten derzeit, sagt Hammermeister. Und auch in der nächsten Größe lässt die Nachfrage nach. “Insbesondere die Anbieter von Mittelklassebooten sind von Umsatzrückgängen betroffen”, heißt es vom BVWW. Durch die steigenden Lebenshaltungskosten sei nicht mehr so viel Geld übrig, das spüre vor allem der Mittelstand. “Man muss schon nach Nischen suchen, um zu überleben”, sagt Hammermeister.
Eine Nische, die sich zu einem eigenen Markt entwickelt hat, ist die “Generation 50+”, wie ältere Kunden freundlich genannt werden. Als Nutznießer dieser Strategie fühlt sich Patric Polch, der Boote des schwedischen Herstellers Nimbus anbietet wie die 365 Coupé, ein elf Meter langes Motorboot für mehrtägige Törns. Das konservative Design ohne Flybridge – das ist ein freier Steuerstand auf dem Dach der Kabine – spreche auch viele Segler an, die im Alter lieber Motorboot fahren wollten. Die Nimbus-Werft will das neue Design nun in der gesamten Modellpalette einführen.
Bootshändler Polch blickt im Gegensatz zu vielen Konkurrenten auf eine gute Saison zurück. “Aber das liegt daran, dass ich größere Boote anbiete – bei den kleineren Klassen sieht es nicht gut aus.” Das werde sich bald auch in der Mittelklasse bemerkbar machen: “Jeder fängt mit einem kleinen Boot an und steigt später auf ein größeres um – also wird das langfristig bei uns ankommen.”



